Der blinde Fluss, ein Roman von Mia Couto, erschienen 2026 im Unionsverlag, ist auf knapp 250n Seiten ein überraschend komplexes Werk, bei dem sich ein sehr genaues oder zweites Lesen auf jeden Fall lohnt, da sich viele Zusammenhänge erst auf den zweiten Blick offenbaren. Zunächst ein Shout-Out an das Buchdesign die Gestaltung unter dem Schutzumschlag hat mein Herz höherschlagen lassen, wunderschön, auch haptisch betrachtet. Und auch die Innengestaltung mit den vielen Zitaten und Abdrucken von Bildern zur Initiationszeremonie der Yao ist wundervoll durchgeführt, viel Stoff zum poetischen Denken. Mia Couto ist ein Autor mit respektablem ŒUVRE, bei mir bisher eine Bildungslücke, sicher ein Autor, bei dem es sich lohnt, noch mehr von ihm zu lesen.
Worum es geht, ist nicht leicht zusammenzufassen. Das Buch ist inspiriert von real-geschichtlichen Ereignissen am Rovuma, dem Fluss, der zwischen Mosambik und Tansania fließt, dem Maji-Maji-Aufstand sowie dem deutschen Überfall auf den portugiesischen Militärposten Madziwa am Beginn des 1. Weltkrieges. Damit ordnet sich die Handlung zwischen grob 1905-1915 ein und im kolonialen Zeitalter. Die Brüder Nataniel, der als Hilfsoldat den portugiesischen Besatzern dient, und seinem Bruder Matias, der als Askari für die deutsche Gegenseite unterwegs ist. Die beiden Brüder teilen eine komplexe Familiengeschichte und Schuld, die durch die Familie zieht, weshalb es auch zu ihrer Trennung kam. Im Aufeinandertreffen wird die unglaublich schwierige Lage der indigenen Bevölkerung zu der Zeit sichtbar, die zunehmend ihre Identität verliert. Dieser Verlust offenbart sich in einem kollektiv um sich greifenden Vergessen, das auch zu einer ganz realen Auslöschung der Schrift führt, die nicht mehr aufhaltbar scheint. Mit dem Verschwinden der Schrift wird aber auch die Macht der Europäer angegriffen, die, anders als die indigene Bevölkerung, auf diese angewiesen sind, während die mündliche Tradition die Ursprungsbevölkerung vor dem Vergessen bewahrt und handlungsfähig lässt.
Formal wechselt Couto zwischen Erzählform und Ich-Perspektiven ganz verschiedener Akteur:innen. Das ist sehr gut gemacht und zeitgleich herausfordernd in der Zuordnung. Durch die verschiedenen Perspektiven der Redner entstehen immer mehr Versatzstücke, aber erst am Ende erkennt man ein Bild. Die Sprache ist besonders, sehr poetisch und die vielen Zitate nehmen einen in einen ganz eigenen Kosmos, der eine große Gedankenkraft entfaltet. Insgesamt bleibe ich aber zwiespältig zurück. Die Themen sind sehr interessant, ich mag auch Bücher sehr gern, die sich mit Kolonialismus und Rassismus, mit Glaubensmission und Identität beschäftigen. Der Verlust dieser, das wird für mich sehr gut beschrieben, und die Ebene des Vergessens und der Auslöschung der Schrift und somit des kulturellen Gedächtnisses, das ist richtig gut. Aber irgendwas ist zu sehr verzweigt, und die Figuren sind hermetisch, dass ich gar nicht berührt werde - aber der reine Beobachterinnenstatus macht auch nichts mit mir. Das Problem ist die große Komplexität des Gewebes, die sich beim ersten Lesen nicht erschließt. So entstehen viele Fragezeichen und Lücken und erst ein zweites Lesen offenbart, wie genial dieses Buch zusammengefügt und ausgedacht ist. Aber kann jede lesende Person diese Zeit investieren? Eigentlich braucht mensch für das Verstehen fast ein Literaturseminar.
Inhaltlich stark: Für mich ist es ein Buch, das letztlich darauf hinweist, dass die ganze Geschichte "des schwarzen Kontinents" (ich benutze diesen kolonialen Begriff hier bewusst) neu geschrieben werden muss, damit Gerechtigkeit geschieht. Am Ende wird das sehr deutlich, die Auslöschung der Schrift, nur noch die indigene Bevölkerung ist nun der Schrift mächtig, sie soll den Europäern/Portugiesen die Schrift erneut beibringen und diese sollen nur ein Wort schreiben "Entschuldigung" und heimkehren, um dann das nächste Mal bei der Anreise anzuklopfen und das schon bewohnte Land mit Achtsamkeit zu betreten. Das war für mich auch ein wirklich starkes Finale des Buches. Ebenso führt Couto sehr gut durch die vielen kleinen Wunden, die der Kolonialismus schlägt, und, was ich richtig gut fand, es wird auch gezeigt, dass Rassismus leider kein weißes Problem ist, denn auch unter der indigenen Bevölkerung gibt es ihn in Hinblick auf "Mischlinge". Das Buch ist sehr klug konstruiert, literarisch ist das hochwertig, ebenso die Durchführung der Motive, der Fluss und die Blindheit.
Abstrakt gesprochen ist das richtig gut. Emotional gesprochen hat es mich nicht mitgenommen auf die Reise, vielleicht durch die wirklich beeindruckende Überkonstruktion? Ich kam nicht ran an die Figuren und irgendwann wurde es sehr lang. Die einzige Stelle, die mich persönlich wirklich gepackt hat, war eben die von mir hier angesprochene über die Neuschreibung von Geschichte als Rückkehr zur Identität und Überwindung eines kollektiven Traumas. Davon sind die ehemaligen Kolonien noch heute weit entfernt, die Wunde ist offen. Das macht dieses Buch sehr gut spürbar und das finde ich sehr berührend. Aber hier liegt auch ein Werk vor, auf das man sich sehr einlassen muss und das viel Analyse braucht, um seine Wirkung entfalten zu können.