Wäre ich mit 19 so mutig gewesen wie die Ich-Erzählerin? Wahrscheinlich nicht. Liesel besucht regelmäßig ihre Großmutter Emmi im Altersheim. Emmis Demenz schreitet voran, doch in ihren klaren Momenten spricht sie immer wieder von ihrer Heimat im ehemaligen Ostpreußen. Da beschließt Liesel, Emmis Fluchtstrecke bis in ihr Heimatdorf Kudern zurückzureisen für Emmi, aber auch für sich selbst, um mehr über ihre Wurzeln zu erfahren.
Die Beziehung zwischen Liesel und ihrer Oma ist so zentral, so liebevoll beschrieben. Man spürt, wie wichtig Emmis in Liesels Leben ist nicht nur als Bezugsperson, sondern als Bindeglied zu ihren eigenen Wurzeln. Ich fragte mich aber auch, wie es dazu kam, dass ihre Mutter Melanie sie derart vernachlässigt und keine Rolle mehr in der dreiköpfigen Familie spielt.
Und dann beginnt das Abenteuer: Liesel macht sich mit Emmi und dem Pfleger Jascha auf den Weg nach Danzig ein tragikomischer Roadtrip mit so vielen starken Momenten, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Es ist Liesels erste Reise, und ihre Aufregung konnte ich nur allzu gut nachfühlen: die Sorge um Emmi, die sie aus der gewohnten Umgebung gerissen hat, die wachsenden Gefühle für Jascha und die Gedanken, die um ihre zurückgelassene Mutter kreisen.
Auf dieser Reise erlebt sie Enttäuschungen und Ernüchterungen, aber auch die kleinen, perfekten Momente, die ihr zeigen, was das Leben zu bieten hat. Das allein wäre für mich schon lesenswert gewesen, ohne eine Auflösung zu Emmis Vergangenheit. Doch dann gibt es eine Wendung, die der Geschichte eine völlig neue Dimension verleiht. Ich mochte Liesels lakonischen Erzählton, aber auch die Nebenfiguren wie den Lebenskünstler Jascha, Christine und Dr. Falk. Eine wunderbare, von persönlichen Erlebnissen inspirierte Geschichte über eine junge Frau, die endlich ihre eigene Geschichte versteht, und den Mut hat, neu anzufangen.