Amira ist aus einer jüdischen Familie, die in Berlin lebt. Sie ist Anfang 30 und hat es nicht leicht mit der Welt, und die Welt hat es nicht leicht mit ihr. Ihr Vater Wolf hat sich das Leben genommen, als sie gerade eingeschult wurde, Mutter Nina ist pünktlich mit der Volljährigkeit der Tochter nach Israel abgehauen. Auch zur restlichen Verwandtschaft gibt es keine sonderliche gute Beziehung. Geschäftstüchtig und fleißig ist die junge Frau durchaus, hat ein erfolgreiches Online-Magazin gegründet, das aber nun auch die besten Zeiten hinter sich hat. Speziell seit dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023, der Geiselnahme und den darauffolgenden Bombardierungen des Gaza-Streifens fühlt sich Amira als Jüdin in Deutschland auch immer weniger wohl und hat den Eindruck, dass Antisemitismus immer salonfähiger wird, speziell in den kunstaffinen, politisch linken Kreisen, in denen sie sich bewegt.
Viele Belastungen im Leben einer jungen Frau. Und so irrt Amira durch ihr Leben, sauft sich regelmäßig an, nimmt Drogen, schläft mit verschiedenen Männern parallel und macht sonst so einige unreife Dummheiten, ist auch zu guten Freunden oft ruppig, schroff und unzuverlässig und insgesamt eine ziemlich unreife und selbstbezogene Persönlichkeit.
Wirklich geliebt gefühlt hat sich Amira von ihrem Opa Max Altman, der ein Vaterersatz für sie war und immerhin über 100 Jahre alt geworden ist... doch nun ist er verstorben. Amira trauert tief und muss sich gleichzeitig mit dem Erbe befassen. Während sie noch tief trauert, ist die Verwandtschaft schon dabei, eilig Post-Its mit der eigenen Farbe in der Wohnung des verstorbenen Großvaters auf Gegenständen zu verteilen, um Besitzansprüche zu markieren. Dann wird bekannt, dass die verschollen geglaubte Kunstsammlung der Altman-Familie doch schon seit langem wieder im Besitz des Großvaters war und er diese an Amira alleine vererbt. Der geschätzte Wert liegt im dreistelligen Millionenbereich. Amira ist mit dieser Nachricht völlig überfordert und verhält sich so, wie es ihrer unreifen Persönlichkeit entspricht: sie postet erst einmal im besoffenen Zustand ein Selfie von sich mit einem der Kunstwerke auf Instagram. So erfährt die restliche Verwandtschaft gleich davon, ist empört und will den eigenen Anteil am Vermögen einklagen (schließlich gibt es in Deutschland juristisch ein Recht auf einen Pflichtteil für nahe Verwandte), dazu stürzen sich die Medien auf das Thema. Amira muss einige weitreichende Entscheidungen treffen und ist einmal sehr überfordert, ihre Persönlichkeitsentwicklung kann nicht so schnell mit dem neuen Vermögen Schritt halten.
In diesem Buch begleiten wir also diese verlorene, unreife junge Frau dabei, wie sie mit diesem unerwarteten Erbe umgeht. Der Charakter Amiras ist konsistent gezeichnet und sie verhält sich gemäß ihrer Persönlichkeit: impulsiv und wenig durchdacht, was natürlich alle möglichen Komplikationen und Probleme nach sich zieht. Am interessantesten war es für mich, über diesen Roman ein Bild davon zu bekommen, um wie viel schwieriger es seit 2023 geworden sein könnte, sichtbar in Deutschland jüdisch zu sein und in was für eine schwierige Position ständigen Rechtfertigungsdrucks in Bezug auf Israels Aktionen alle jüdischen Menschen seitdem geraten sind. Dass sich manche oder viele von ihnen dadurch noch weniger heimisch in Mitteleuropa fühlen als schon davor. Und dass selbst gut gemeinte Erinnerungsaktionen bei manchen etwas anderes auslösen können als intendiert: etwa die "Stolpersteine", die zwar der Ermordeten gedenken, aber auch Angst machen können, weil sie daran erinnern, was möglich war und jederzeit wieder geschehen könnte.
Die Handlung spielt sich an mehreren Orten ab: Berlin, Genf und dann Tel Aviv und weitere Orte in Israel. Auch in Israel wird spürbar, wie viel sich seit dem 7. Oktober verändert hat: nicht nur sind die Sicherheitsvorkehrungen überall stärker geworden, sondern das Gedenken der Ermordeten und die Forderung nach Freilassung der Geiseln sind auch überall präsent, dazu sieht man laufend Militärflugzeuge Richtung Gaza fliegen oder von dort zurückkehren. Von all diesen schweren Themen muss sich Amira regelmäßig ablenken, deshalb nehmen Alkohol, Drogen und auch ausführlich und bis ins Detail geschilderte Sexszenen mit mehreren Männern auch recht viel Raum ein in diesem Buch.
Immer wieder geht es aber auch um Resilienz und Überlebensfähigkeit, um Weisheiten aus dem Judentum und die Herkunft mancher hebräischer Wörter, aber vor allem um die Widerstandskraft des jüdischen Volkes. Dabei kommen auch so einige Fachbegriffe und hebräische Begriffe vor, die nicht alle im Detail erklärt werden (hier wären ein paar Fußnoten oder Anmerkungen dazu gut gewesen). Es lohnt sich also für ein vollständiges Verständnis dieses Buches, schon einiges an Vorwissen zum Thema Judentum mitzubringen oder die Bereitschaft zu haben, parallel zur Lektüre in weiteren Quellen dazu nachzulesen. Zusätzlich schwingt auch einiges an Abgeklärtheit bis Enttäuschung und Desillusionierung in Bezug auf die Deutschen und ihre heutige Haltung zu Juden und Israel mit.
Insgesamt ist es ein spannend erzähltes und nachdenklich machendes Buch, das ich allen, die kein Problem mit einer nicht sonderlich reifen, nicht sehr sympathischen und promiskuitiven Hauptfigur haben, und sich für aktuelle Themen Israels und des Jüdisch-Seins in Deutschland interessieren, jedenfalls empfehlen kann.