Nurs Geheimnisse von Najat El Hachmi hat mich von Anfang an begeistert mit einer sehr sympathischen und klugen Protagonistin. Die 12jährige Nur, Tochter von Eltern mit Migrationsgeschichte, ist eine gute Schülerin. Ihr Traum ist es, eines Tages Schriftstellerin werden. Bisher teilt sie ihre Gedanken und Geheimnisse nur ihrem Tagebuch mit. Als sie dank ihrer Lehrerin ein Stipendium an einer der besten Gymnasien der Stadt erhält, ist das eine große Chance für sie. Doch Nur muss auch ihr behütetes Umfeld, ihr buntes Stadtviertel und ihre beste Freundin und Cousine Aisha verlassen. An der neuen Schule lernt Nur eine ganz andere Welt kennen. Neben guter Bildung wird sie dort leider auch mit Vorurteilen, Rassismus und vielen (finanziellen) Ungleichheiten konfrontiert. Nur muss ihren Platz finden, zwischen zwei Kulturen und den unterschiedlichen Milieus.
Wie auch immer, alles scheint sich plötzlich nur noch um das eine zu drehen: wie du aussiehst, ob du viel oder wenig Po hast, ob deine Brüste groß oder klein sind. Ich wünschte mir, all das würde verschwinden, damit ich so sein kann, wie ich bin, ohne drüber nachzudenken, ob dies oder das bei mir okay ist. Ich gebe zu, auch ich schaue mich im Spiegel an, und obwohl ich es ablehne, dass wir uns in Objekte verwandeln, habe auch ich angefangen, mich selbst zu beurteilen. Mein Gesicht kommt mir komisch vor, meine Haut so dunkel, so anders. Und meine Nase, lang und spitz, so gar nicht wie die süßen Stupsnäschen der Popus. Die Lippen voll, aber nicht mit Photoshop aufgeblasen, sondern so, dass sie geradezu schreien: Meine Eltern sind in einem anderen Land geboren! Und das sollte kein Problem sein, ich weiß ja, dass es kein Problem ist, aber in letzter Zeit hängt an manchen Tagen eine dicke Wolke über mir, und ich sehe alles schwarz. Dicke Lippen + dunkle Haut + überall nur Einsen = Nur, du bist genial, du kriegst alles hin, du kannst erreichen, was immer du dir vornimmt, und wirst eine berühmte Schriftstellerin. Aber dicke Lippen + dunkle Haut + eine Drei = Nur, die Versagerin, geh zurück dahin, wo du herkommst, hier nimmst du jemandem den Platz weg, der ihm zusteht.
Najat El Hachmis Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. In ihre Protagonistin konnte ich mich dank der Tagebuchform sehr gut hineinversetzen. Ich konnte angesichts der vielen Ungerechtigkeiten, die sie als muslimisches Mädchen und durch die patriarchalen Strukturen und festgefahrenen Rollenbilder erleben musste, gut einfühlen. Ihre Entwicklung im Laufe des Buches fand ich sehr berührend und authentisch.
Ich habe dir aber noch was Wichtigeres mitzuteilen []: Zum ersten Mal habe ich eine Geschichte ganz fertig geschrieben. Das ist meine Art, mich wieder zu Hause zu fühlen inmitten all der Verwirrungen. Wenn ich schreibe, vergesse ich alles um mich herum. Ich bin dann ich selbst, obwohl ich gleichzeitig jemand anders bin. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll es ist, als hätte ich eine Stimme in mir, die nur beim Schreiben rauskommt.
Nurs Geheimnisse ist ein wirklich wertvoller, kluger und feinfühliger Jugendroman, der wichtige Themen wie Klassismus und Rassismus, Herkunft und Identität, Chancengleichheit und das Recht auf gute Bildung vereint.
Ich kann dieses großartige Buch Kindern/Jugendlichen ab 11 Jahren, aber auch Erwachsenen auf jeden Fall empfehlen.
Vielen Dank an den Orlanda Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!