Eigenwillig, witzig, zeitgeistig, unterhaltsam und doch über ein aktuelles Thema
"Fundamentalös" wurde in der englischsprachigen Originalausgabe für die Shortlist des Women's Prize for Fiction nominiert. Die Autorin Dr. Nussaibah Younis ist Friedensforscherin, hat selbst irakisch-pakistanische Wurzeln, verfügt über jahrelange Erfahrung in der Friedensarbeit im Irak und hat selbst als Beraterin für die irakische Regierung in Deradikalisierungsprogrammen mitgearbeitet. Sie ist selbst streng religiös erzogen worden und hat sich später von der islamischen Religion abgewandt, bezeichnet sich nun als nicht religiös.Warum erwähne ich das so detailliert in meiner Rezension? Weil es sich zwar um einen fiktiven Roman handelt, bei dem es der Autorin wichtig war, die Leserinnen und Leser mit ihrem Humor auch gut zu unterhalten (was bestens gelungen ist), aber es durchaus auch so einige Parallelen zwischen der fiktiven Nadia und der Autorin gibt. Die Hauptfigur Nadia stammt nämlich ebenfalls aus einer muslimischen Familie, ist religiös aufgewachsen, hat lange das Kopftuch getragen und als Jugendliche sogar Workshops bei einem charismatischen Prediger besucht (ebenfalls wie die Autorin selbst), der sich später dem IS-Umfeld zugewandt hat. Leicht hätte es also passieren können, dass auch sie verblendet als jugendliche IS-Braut in Syrien oder im Irak gelandet wäre. Doch im Laufe ihres Universitätsstudiums hat sie das freiere Leben schätzen gelernt, das Kopftuch abgelegt, sich von der Religion distanziert und sich in die Welt wilder und freier Sexualität mit Männern und Frauen, Alkohol, Drogen und Partys gestürzt, wodurch es auch zu einem Bruch mit ihrer Mutter und einer jahrelangen Phase ohne Kontakt zur Herkunftsfamilie kam. Nun hat sie ihr Doktorat beendet, unterrichtet an einer Uni und hat einen Artikel über mögliche Deradikalisierungsprogramme für ehemalige IS-Anhängerinnen und Anhänger geschrieben, der weite Beachtung fand und ihr einen Job im UN-Umfeld im Irak verschafft, bei dem sie insbesondere ausländische Mädchen und junge Frauen, die radikalisiert in den Irak gereist sind, mit Kämpfern verheiratet waren und nun, meist verwitwet, unter schlechten Bedingungen in einem irakischen Lager festsitzen und wieder in ihre westlichen Heimatländer zurückkehren möchten, deradikalisieren und bei der Rückkehr unterstützen möchte. Voll von Idealismus und mit hohen Erwartungen reist Nadia also in den Irak, muss aber schnell feststellen, dass nicht alles so leicht geht wie erwartet. Auch das Umfeld der internationalen Organisationen ist voll von Korruption und Konkurrenz und nicht alle verfolgen die selben hehren Ziele. Schnell lässt sich sowieso mal nichts bewerkstelligen, die westlichen Länder haben wenig Interesse daran, ihre radikalisierten Bürgerinnen zurückzunehmen (und damit terroristische Aktionen oder Anschläge oder zumindest den Vorwurf, diese in Kauf zu nehmen, zu riskieren) und auch im Irak selbst interessiert sich kaum jemand für das Schicksal dieser Frauen, die sich nach weit verbreiteter Meinung ihre Situation selbst zuzuschreiben haben, auch wenn sie ursprünglich als verblendete Teenager eingereist sind. Besonders am Herzen liegt Nadia die junge Sara, die so wie sie in Großbritannien aufgewachsen ist und sich mit 15 Jahren dem IS angeschlossen, mittlerweile 19 Jahre alt, verwitwet und Mutter eines kleinen Mädchens ist, das ihr weggenommen wurde und nun bei den Eltern väterlicherseits irgendwo im Irak lebt. Sara ist intelligent und auf eine sarkastisch-zynische Art witzig, doch hat sie wirklich den radikalen Ideologien abgeschworen?Neben der praktischen Arbeit Nadias im Irak gibt es immer wieder Rückblenden auf Nadias früheres Leben, ihr religiöses Aufwachsen und die Distanzierung von ihrer Religion. Viel Raum nehmen auch ihre wilden sexuellen Eskapaden mit Männern und Frauen ein, sowie ihre Traurigkeit über das Ende ihrer lesbischen, nicht-ausschließlichen Beziehung mit Rosy. Ganz ehrlich, diesen Teil hätte man nach meinem Geschmack auch gut aus dem sonst hervorragenden Buch kürzen können und es hätte mir nichts Wesentliches gefehlt, sondern das Buch hätte dadurch für mich noch an Fokus und Tiefe gewonnen. Offenbar scheint es aber dem Zeitgeist zu entsprechen, dass sehr viele Bücher nun explizite, nicht ausschließlich heterosexuelle Sexualität miteinbauen müssen, vielleicht macht das den Erfolg oder die Auszeichnung durch Buchpreise in diesen Zeiten wahrscheinlicher, ich weiß es nicht.Abgesehen von diesem Faktor, der mich etwas genervt hat, handelt es sich aber um ein kluges, humorvolles, sehr unterhaltsames und nachdenklich machendes Buch, dem man anmerkt, dass die Autorin sich die Geschehnisse nicht nur komplett ausgedacht hat, sondern diese, auch wenn es sich um einen fiktiven Roman handelt, durchaus auf viel Erfahrung und Wissen basieren. Damit ist es ein originelles Werk zu einem spannenden Thema, das ich gerne gelesen habe und allen, die sich dafür interessieren, jedenfalls empfehlen kann.