Ein Jahr Schlaf mit bissigem Humor und scharfen Beobachtungen. Die Protagonistin ist dabei faszinierend und irritierend zugleich.
"Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" von Ottessa Moshfegh begleitet die namenlose Protagonistin bei ihrem radikalen Vorhaben, für ein ganzes Jahr zu schlafen und sich so dem kräftezehrenden Leben zu entziehen. Gerade zu Beginn fällt es leicht, mit ihr mitzufühlen. Es wirkt verlockend, dem ganzen Trubel einmal zu entkommen und sich einfach auszuschalten. Doch schnell gerät die Protagonistin in eine Abwärtsspirale. Ihr Plan wird zunehmend von Schlaftabletten und den Folgen für ihr soziales Umfeld bestimmt, das sich letztlich nicht vollständig ausblenden lässt.Ottessa Moshfegh hat eine Protagonistin erschaffen, die voller Widersprüche und Zynismus steckt. Die Ich-Erzählerin ist jung, reich und schön, was sie im Laufe des Buches immer wieder betont. Über sich selbst spricht sie meist mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, während sie ihre eigenen Fehler auffallend distanziert und analystisch betrachtet. Für andere Menschen hingegen, insbesondere für ihre beste (und einzige) Freundin Reva, hat sie vor allem Kritik und Misachtung übrig.Gerade hierin liegt für mich die Stärke des Romans. Zum einen verleiht diese Erzählweise dem Text seinen bitterbösen, schwarzen Humor. Zum anderen macht sie die radikale Isolation der Protagonistin sichtbar und deutet an, wie sehr ihr echte menschliche Nähe fehlt. Gleichzeitig zwingt sie dazu, die Perspektive der Erzählerin immer wieder zu hinterfragen: Ist Reva beispielswiese tatsächlich so bemitleidenswert, wie sie dargestellt wird oder sehen wir sie nur durch den verzerrten Blick der Protagonistin? Inwieweit können wir ihrer Erzählung trauen?Durch die Abwärtsspirale, in der sich die Protagonistin befindet, gewinnt die Handlung zunehmend an Tempo, sodass man als Leser:in ständig mit dem Schlimmsten rechnet. Umso überraschender und zugleich enttäuschender wirkt das Ende, das den zuvor aufgebauten Spannungsbogen meiner Meinung nach nicht einlöst. Dabei liegt mein Kritikpunkt weniger in der eigentlichen Handlung als vielmehr in der Erzählweise. Die Protagonistin, die zuvor durch präzise und scharfsinnige Beobachtungen überzeugt, nimmt uns gegen Ende gefühlt nicht mehr in gleicher Weise mit. Insgesamt kann ich das Buch allen empfehlen, die sich an bissigem Humor und kuriosen, stellenweise irritierenden Geschichten erfreuen können. Auch wenn sich bestimmte Beschreibungen und Handlungsschleifen wiederholen, hatte ich beim Lesen durchgehend Spaß. Gerade diese Mischung aus schonungsloser Beobachtung und unterschwelliger Tragik macht für mich den Reiz aus. Wer sich auf eine Erzählerin einlässt, die bewusst aneckt und deren Perspektive nicht immer verlässlich ist, wird mit einem ungewöhnlichen Leseerlebnis belohnt.