Anspruchsvoll, berührend, und dabei tiefe Einblicke in den Alltag in der DDR und die Zeit danach liefernd - Leseempfehlung
Von allen Büchern, die ich bisher über die ehemalige DDR, die Wende und die Zeit danach gelesen habe, ist "Selbstregulierung des Herzens" jenes, das mir am deutlichsten und detailliertesten ein Gefühl für die verschiedenen Aspekte dieser bewegten Zeiten vermittelt hat. Im Nachwort erwähnt die Autorin, dass es sich zwar um eine fiktive Geschichte handelt, sie aber sehr sorgfältig recherchiert und mit vielen Menschen Gespräche geführt hat, um ein möglichst realistisches Bild dieser Zeit zu zeichnen. Das ist auch bestens gelungen.Im Zentrum stehen ein paar junge und dann älter werdende Menschen in der DDR und der Zeit danach, die wir über mehrere Jahrzehnte in ihrer Entwicklung und mit ihren Hoffnungen, Wünschen, Träumen, aber auch ihrer Desillusionierung, begleiten: der Computerexperte Georg, die Künstlerin Mona, die lange sehr systemtreue Marlies, der alte Fritzsch, der sich aus Eingangstüren ein eigenes kleines Ferienhäuslein am Bauersee gebaut hat und noch so einige weitere.Wir erleben mit, wie in den 1960er Jahren das Klima in der neuen DDR von einer Aufbruchstimmung geprägt ist. Wie viele glauben, an etwas Gutem mitzuwirken und auf der richtigen Seite zu stehen, auf der der Gegner des Faschismus. Georg und seine Freunde studieren Ökonomie, zeitweise gibt es hier noch viel Raum zum Diskutieren, Denken und Hinterfragen über das richtige System und wie man es konkret gestalten könnte, bevor es immer enger wird im kommunistischen Staat und die Freiheiten zunehmend eingeschränkt werden. Es ist sehr interessant, beim Lesen mitzuerleben, wie viel Hoffnung auf das gemeinsame Erschaffen eines besseren Systems es vielleicht auch gegeben haben kann, und wie diese über die Jahrzehnte durch das Miterleben von Repression, Bespitzelung, Ausgrenzung aller, die von der offiziellen Linie abweichen samt heftiger beruflicher und privater Nachteile auch für Verwandte, brutaler Niederschlagung von Freiheitsbewegungen (z.B. in Ungarn oder der damaligen Tschechoslowakei) durch die Sowjetunion und dem Erleben von Ineffizienz in den staatlichen Organisationen desillusioniert wird. Dabei gehen die porträtierten Personen ganz unterschiedlich damit um: manche arrangieren sich im Stillen, andere bleiben lange idealistisch und möchten dazu beitragen, das System zu verbessern, andere werden zu Mitläufern und Profiteuren und wieder andere versuchen, die DDR in Richtung Westen zu verlassen. Auch die herausfordernde Zeit nach der Wende, in der wiederum viele Träume zerplatzt sind, wird gezeigt: wie ehemals in der DDR sehr qualifizierte Menschen sich nun mit Hilfsarbeiterjobs durchschlagen müssen und oft arbeitslos sind, wie öffentliche Einrichtungen schließen und verfallen, wie viele Menschen den Ausverkauf ihrer geliebten Heimat durch kapitalstärkere Investoren aus dem Westen erleben, und vieles mehr. Das Buch erzählt nah an den Figuren dran und aus wechselnden Perspektiven, sodass man gut mit ihnen mitfühlen kann. Gleichzeitig zieht sich - passend zum Titel - immer wieder die Frage durch das Buch, aufbauend auf Zitaten und Überlegungen aus der Kybernetik("Zweifellos vollzieht jedes gesellschaftliche System, solange es durch die es bewegenden Widersprüche nicht gesprengt wird, eine ständige Reproduktion seiner selbst", aus einem Buch zur Gesellschaftsdialektik, S. 127 im E-Book), mit denen sich insbesondere Georg als Informatiker, aber auch seine Kommilitonen im Ökonomiestudium beschäftigen, ob und wie ein solches System wie die sozialistische DDR sich doch auch ein bisschen von innen durch die beteiligten Menschen selbst steuern könnte (natürlich ein Widerspruch zur staatlich verordneten Planwirtschaft), wenn die involvierten Menschen mit vollem Herzen dabei wären. Das ist eine zusätzliche philosophische Dimension, die das Buch noch einmal auf einer anderen Ebene bereichert hat.Auch sprachlich finden sich vieler sehr treffende Formulierungen darin, die nachdenklich machen:"Kritik und Selbstkritik, so ein Verfahren war ja kein Pappenstiel, davon wusste Marlies ein Lied zu singen, wie ein Kind stand man in der Versammlung da und wurde über seine Verfehlungen aufgeklärt, und wer sich nicht reumütig zeigte, war für die Arbeit oder den Posten nicht mehr tragbar. Von einem Moment auf den anderen auf der falschen Seite. Dann doch lieber den Rückzug antreten, nicht in Erscheinung treten, unterm Radar bleiben, die eigene Meinung zurückhalten."(S. 95 im E-Book)"Welchen Sinn machte es, über Regelgröße und Wechselbeziehungen in einem System nachzudenken, das sich selbst abriegelte, ja, jede Art Einwirkung von außen zu beschränken oder ganz auszuschließen versuchte, und dabei immer mehr eintrocknete, austrocknete und an Möglichkeiten, Informationen, Variationen verlor?" (S. 133 im E-Book)"Er war mehr Rädchen als Sand im Getriebe gewesen." (S. 180 im E-Book)Für mich war es kein Buch, das ich schnell lesen konnte, sondern eines zum langsamen Lesen, Verweilen und tiefgründigen Darüber-Nachdenken. Das spricht ebenfalls für seine Qualität. Ich kann es allen, die sich für die Zeit der ehemaligen DDR, von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende und darüber hinaus, und die betroffenen Menschen interessieren, und die gerne nicht nur persönlich, sondern auch theoretisch über Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle und ihre praktischen Konzepte für alle Betroffenen nachdenken, sehr ans Herz legen.