Kasper ist traurig. Wieso hat er bloß nicht rechtzeitig gebremst, als das Reh über die Straße lief? Nun liegt es dort, verstört und schwer verletzt. "Entschuldige, ich habe dich nicht gesehen", sagt er zu dem Tier. Doch die Schuld trägt er. So wie er in der Vergangenheit offenbar schon häufiger anderen Lebewesen Verletzungen zugefügt hat. Seiner Frau Inger, der er vor 40 Jahren gestand, dass er sich in die gemeinsame Freundin Signe verliebt habe. Und Signe selbst natürlich, der er dann doch nicht beistand, als sie es am dringendsten brauchte. Doch wie sieht es eigentlich mit seinen eigenen Verletzungen aus, die so lange zurückliegen?
Von Liebe, Schuld und Verletzungen erzählt Per Pettersons neuer Roman "Nach Hause kommen", der in der deutschen Übersetzung von Ina Kronenberger bei Hanser erschienen ist. Ganze sieben Jahre soll Petterson an den gerade einmal gut 200 Seiten geschrieben haben. Dass dieser bemerkenswert stille und langsame Roman dennoch voller intensiver Wucht steckt, ist eine große Kunst. Denn Pettersons bewusst gesetzte erzählerische Lücken lassen bei den Lesern von ganz allein eindringliche Bilder entstehen, die lange nachhallen.
Schon die Auftaktszene mit dem Reh ist ein gelungener Kniff, die der Ich-Erzähler im Folgenden noch einmal aufgreifen wird. Petterson wirft die Leserinnen mitten hinein ins Unheil, so wie die Ricke haben auch sie keine Möglichkeit, den Ereignissen auszuweichen. Der gut 70-jährige Schriftsteller Kasper präsentiert sich empathisch, doch voller Fehler. Der Autounfall wird so zu einer Art Spiegelbild seines Lebens. "Da kam mir die Idee, ich könnte mit dem Reh beginnen und schauen, wohin es mich führt", lässt Petterson Kasper in Bezug auf den Roman sagen.
Es führt die Leser zu einem ungeheuerlichen Ereignis, das vor 40 Jahren stattfand und den Kern der Erzählung bildet. Kasper gesteht seiner Frau Inger die Liebe zu einer anderen Frau, zudem zu einer gemeinsamen Freundin. Signe heißt diese und ist ein paar Jährchen jünger als unser Protagonist. Noch ungeheuerlicher scheint allerdings Ingers Antwort: "Dann solltest du es ihr sagen." Es ist letztlich der zentrale Satz, ohne den "Nach Hause kommen" gar nicht funktionieren würde.
Im Folgenden reflektiert Kasper sein Leben, die Verletzungen der Kindheit, die ungewöhnliche Freundschaft zu einem Busfahrer und natürlich die Liebe zu zwei Frauen. Dabei stellt der Roman die Frage, ob es nicht möglich sein kann, zwei Menschen gleichzeitig und gleichwertig zu lieben? Inger und Signe, Signe und Inger. Diese beiden Frauen, die machmal nicht nur für Kasper, sondern auch für die Leser fast zu einer Einheit verschmelzen. Die sich nur durch einen einzigen Buchstaben unterscheiden.
Petterson beweist viel Feingefühl bei seinen Charakteren. Er überlässt es letztlich den Lesern, wie viel Schuld Kasper daran trägt, dass seine Ehe Stück für Stück zerbricht. Denn, und so viel sei verraten, für Kasper ist diese Liebe zu zwei Menschen offenbar möglich, doch für sein Umfeld und die Betroffenen eben nicht. Hervorzuheben ist unbedingt auch die Sprache, die von Beginn an eine große Melancholie ausstrahlt. Beispielsweise, wenn Kasper seinen Blick auf einen weiten See wirft und sich an die Wunden der Kindheit erinnert. Oder in dem fantastischen Satz "Und in dem Zimmer, in dem wir im zweiten Stock unseres Wohnblocks lagen, wach und einander im Zwielicht der Nacht zugewandt, wir hatten uns gerade geliebt, stand das Fenster sperrangelweit offen", der eine der vermutlich verstörendsten Szenen des Romans einleitet. Unbedingt zu erwähnen ist hier auch die durchweg äußerst gelungene Übersetzung von Ina Kronenberger.
Insgesamt ist Per Petterson in meinen Augen mit "Nach Hause kommen" ein sehr gut komponierter, bewegter, reflektierter und reflektierender Roman gelungen, der mit Kasper keinen klassischen Helden, sondern eine ambivalente und durchdachte Hauptfigur präsentiert. Ich bin diesem Kasper über die 200 Seiten sehr gern gefolgt und habe mich trotz der langsamen Erzählweise nie gelangweilt. Für mich war es die erste Begegnung mit dem Norweger und ich freue mich schon auf "Pferde stehlen", das noch ungelesen auf mich wartet.