"Man sagt, alle Deutschlehrer hätten was in der Schublade."
Nicht so die Deutsch- und Geschichtslehrerin Nora Dellendrücker. Sie muss dringlich gebeten werden, ihre Schätze zu teilen: ein ganzes Leben mit der Literatur, ein Universum von Figuren und Gedanken aus der Weltliteratur und der Philosophie.
Ein Lehrerinnen-Roman? Ja, das auch. Vor allem aber ein Roman über das Leben mit der Literatur.
Ihre Schüler an einem oberbayerischen Gymnasium sollten sich die Bücher als Menschen vorstellen, die man auf einer Party trifft. Vielleicht würde das eine ein Freund, das andere sei womöglich nur kurzfristig interessant oder wirke abschreckend. Jedenfalls nahbar.
Auch Menschen sieht Nora wie Bücher und wendet sich entschlossen ab: "Dieses Buch wollte ich nicht lesen."
Der ganz starke Prolog des Romans ist ihrer Erinnerung an die Großmutter Auguste zu verdanken. Das Kind aus einfachen Verhältnissen wird während der Krankheit der Mutter bei der fast tauben Oma geparkt. Mietwohnung ohne Bad, Klo auf halber Treppe. Witwe nach einem Leben mit zehn Kindern und einem äußerst zwielichtigen Mann. Dem Kind ist die Frau fremd und unheimlich. Vor dem Schlafengehen muss sie mit ihr Lieder singen, zuhören, wenn die Großmutter die grausamsten Balladen deklamiert. Das Mädchen kann sie bald auswendig.
"Schwabs Gewitter entsetzte mich. 'Oma, wir haben doch Blitzableiter, oder?', rief ich ihr ins Ohr. 'Ja, aber es gibt Kugelblitze. Die fliegen zum Fenster rein und wieder raus.'"
Erst als Erwachsene erkennt sie:
"Sie hat mich in die Literatur eingeführt, ohne es zu wissen oder zu merken: Kunst als Ausdruck der Seele, ohne Kalkül, Prestigeanspruch und Angeberei, etwas, das bei aller geheimnisvollen Tiefe so natürlich zum Leben gehörte wie Mensch ärgere dich nicht und die BILD-Zeitung."
Auch die erwachsene Nora findet das in den Büchern. In jeder Lebensphase sucht sie dort Rückbezüge, Hilfestellungen, Anker. Nur zur Geburt eine traumatische Erfahrung für die Protagonistin findet sie kaum etwas. "Geburt schien nicht lyrikfähig zu sein."
Der Roman umfasst ein ganzes Leben, inklusive drastischer Fehlentscheidungen Noras. Besonders bedrückend ist die Schilderung ihrer unglücklichen Ehe und die Darstellung der Enttäuschung, welche die unbeholfene Mutter mit ihrem distanzierten, immer feindseliger reagierenden Sohn erlebt.
Ein kluger, leiser Roman. Mit vielen Charakterbildern, die Nora "liest": Archivare, Pfarrer, Schriftstellerinnen, Schüler, Schülereltern und Schuldirektoren. Für mich wirken zwar einige überzeichnet und ins Karikaturhafte getrieben. Andere Schilderungen waren mir auch zu betulich und/oder wiederholend (gerade, was den Schulalltag betraf).
Dennoch: "Orion" war eine Lektüre, die mir vielerlei Berührungspunkte bot und zur Auseinandersetzung anregte, eine Leseempfehlung nicht nur für Lehrerinnen.
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