
»Beim Lesen dieses berührenden Romans empfand ich so viel Dankbarkeit - für Tondellis einzigartige, viel zu früh verstummte und viel zu lang verlorene literarische Stimme. « Daniel Schreiber
Thomas, ein junger Musiker aus München, liegt Ende der 1980er-Jahre im Sterben. Sein Freund, der wenige Jahre ältere, renommierte italienische Autor Leo erträgt den langsamen Tod nicht. Stattdessen flüchtet er sich auf Reisen durch Europa und die USA. Zwischen Paris, Duisburg, New York, Berlin, Rom und Mailand überlappen Gegenwart und Vergangenheit, das Leben mit Thomas und die Unmöglichkeit des Weiterlebens ohne ihn. Leos Erinnerungen an ihre Liebe werden immer lebendiger, obwohl er sich nichts als Vergessen wünscht. Um die Leidenschaft aufrechtzuerhalten, hatte Leo sich und Thomas das Zusammenleben verwehrt. Ihre Beziehung ein ewiges Ringen um Nähe und Distanz, in getrennten Räumen, verschiedenen Städten. Wie kann man die Erinnerung an ein geteiltes Leben aufrechterhalten, wie weiterleben?
Ein unvergesslicher und singulärer Roman der europäischen Literatur.
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Besprechung vom 07.09.2025
Wie viel Welt braucht die Liebe?
Pier Vittorio Tondelli galt in den achtziger Jahren in Italien als Schriftsteller seiner Generation. Er starb mit 36 an Aids. Zum Glück wird sein Werk jetzt wiederentdeckt.
Von Anna Vollmer
Wenn Männer sich in Filmen oder Büchern ineinander verlieben, wird das oft besonders hervorgehoben: Keine Liebesgeschichte wird erzählt, sondern eine queere Liebesgeschichte. Auch im Fall von Pier Vittorio Tondellis "Getrennte Räume" ist das so. Der Roman, der 1989 in Italien und vier Jahre später erstmals in Deutschland erschien und jetzt vom Gutkind Verlag neu herausgebracht wird, gilt als queerer Klassiker der italienischen Literatur. Aber ist Liebe nicht einfach Liebe? Ja und nein.
Pier Vittorio Tondelli, der am 14. September 70 Jahre alt geworden wäre, wurde 1955 in der kleinen Stadt Correggio in der Emilia-Romagna geboren. Gleich sein erstes Buch, "Andere Freiheiten", erschienen 1980, machte Tondelli berühmt, zu einem Schriftsteller, der mit einer neuen Sprache von jungen Menschen erzählte, von Gewalt, Drogen, Sex, vom Unterwegssein. Kurz wurde das Buch sogar zensiert, was Tondellis Image nur half. Andere Bücher folgten, Tondelli galt als Schriftsteller seiner Generation. "Getrennte Räume" sollte sein letzter Roman bleiben. Zwei Jahre später starb der Schriftsteller mit nur 36 Jahren an Aids.
"Getrennte Räume" erzählt die Geschichte von Leo, einem erfolgreichen Schriftsteller, und Thomas, einem Musikstudenten. Die beiden, Leo ist Italiener, Thomas Deutscher, treffen sich auf einer Party in Paris. Sie kennen sich nicht, doch sie wissen gleich, was hier passiert: "Während allmählich das Fest seinen Lauf nimmt, entsteht eine Sprache zwischen ihren Körpern, ein Code, den niemand entziffern kann, der nicht das Schlüsselwort kennt: Anziehung."
Aus diesen ersten, von Anfang an intensiven Begegnungen entwickelt sich eine Beziehung, in der diese Anziehung eine zentrale Rolle spielen wird, eine Liebe, die sich mal über die Ferne und dann wieder auf gemeinsamen Reisen durch ganz Europa entfaltet und die ein ständiges Austarieren von Nähe und Distanz ist. Leo glaubt an "getrennte Räume", im wörtlichen und übertragenen Sinn, Thomas wünscht sich eine alltägliche Liebe, ein geteiltes Leben.
Während wir das lesen, wissen wir schon, wie die Beziehung enden wird. Der Roman, der zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her springt, setzt Jahre später ein, in einem Schwebezustand: "Eines Tages vor nicht langer Zeit hatte sich unversehens sein Gesicht im Fenster eines Flugzeugs auf dem Weg von Paris nach München gespiegelt." Ein Mann, nicht alt, aber eben auch nicht mehr ganz jung, sitzt im Flieger, gedankenverloren, allein. Er reist in die Stadt seines Geliebten, doch am Flughafen wird dieser nicht auf ihn warten, denn der Geliebte ist längst gestorben. Und so zeichnet sich auf Leos Gesicht ab, was der Tod, was die letzten Jahre mit sich gebracht haben, die Trauer, die Einsamkeit und das Älterwerden.
Thomas ist an Aids gestorben, auch wenn das nie explizit gesagt wird. Und Leo wird ihn an seinem Lebensende nicht begleiten können. Ihre Beziehung war, gemessen an den gesellschaftlichen Standards, nicht offiziell. Es ist die Familie, die in diesen letzten Stunden bei Thomas ist. Wie trauert man um eine Liebe, die von anderen nicht gesehen oder verstanden wird?
Die Frage, ob und inwiefern sich die Beziehung der beiden Hauptfiguren von einer heterosexuellen unterscheidet, ist für den Roman deshalb nicht trivial, sie wird explizit verhandelt. Zwar glaubt Leo nicht, dass die Homosexualität für ihre Liebe eine Rolle spielt, spielen sollte, aber weil andere Menschen das nicht so sehen, tut sie es eben doch: "Es wäre so einfach gewesen, zu sagen: 'Ich liebe ihn. Und zum Teufel mit dem Rest.' Doch die Liebe braucht die Welt, um sich bestätigt zu sehen, und Leo wusste, wie sehr das Glücklichsein es braucht, weltzugewandt zu bleiben, um sich zu erfüllen."
Schon zu Beginn nimmt der Roman Bezug auf einige der großen, schwulen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, auf Christopher Isherwood, W. H. Auden und Allen Ginsberg, auf den Jargon, in dem Männer über Männer sprechen, die sie begehren. Es geht um schwule Subkulturen, teilweise aber auch deshalb, weil Leo sich ihnen nur bedingt zugehörig fühlt. In einer Szene übernachten Thomas und er in der "Deutschen Eiche", einem bekannten Münchner Schwulentreff. Die Gäste tragen Lederhose und Strasshalsbänder, der Kellner Netzstrümpfe und Absätze. Leo sitzt dabei und schaut sich um: "Die Verhaltensweisen, Gesten, Worte, die Kleidung, diese Stiefel und Nieten, alles war Teil einer Liturgie, aus der sich Leo zwar völlig ausgeschlossen fühlte, die zugleich jedoch zu ihm gehörte. Hier sah er, wie eine Minderheit das Problem des eigenen Andersseins löste, darum beobachtete er, wie die anderen sich verhielten, darum fühlte er sich an diesem Ort wirklich wohl."
Ist das also die Geschichte eines Mannes, der nicht nur einsam ist, weil er seinen Geliebten verloren hat, sondern auch, weil seine Sexualität ihn von vielen anderen unterscheidet, von der Lebenswelt, mit der er aufgewachsen ist, von den alten Freunden, die längst Familien haben? Nein. Oder nicht nur.
Leos Einsamkeit ist existenziell. Sie gehört zu ihm, wie das Gefühl, anders zu sein, das er selbst nicht mit seiner Homosexualität, sondern mit seinem Schreiben begründet. Vielleicht, denkt man beim Lesen, stimmt auch das nicht. Vielleicht ist die Einsamkeit, die Tatsache, sich fremd zu fühlen, etwas, was mit dem Menschsein einhergeht, ein Gefühl, das kommt und geht, sich in Begegnungen mit anderen zwar auflösen kann, sie aber gerade deshalb manchmal so kompliziert, so erwartungsbeladen macht.
Die Stellen, in denen Tondelli diese Spannung beschreibt, die Suche nach Nähe bei gleichzeitiger Bewahrung des Eigenen, die Tatsache, dass die gleiche Person einem mal ganz vertraut und dann wieder fremd sein kann, gehören zu den schönsten und traurigsten des Buchs. Als Leo das erste Mal mit Thomas nach Hause geht, schreibt Tondelli: "Daher spürt Leo jetzt, im Augenblick der vollständigen Nähe, die Furcht vor dem, was gleich geschehen wird, die Angst, alles zu zerstören, wenn sie einander nicht erreichen sollten in der äußersten Prüfung, der Begegnung der Körper."
Überhaupt ist "Getrennte Räume" ein sinnliches Buch, ohne dass es außergewöhnlich viele explizite Szenen gäbe. Die Sinnlichkeit liegt in der Art, wie Tondelli das Zusammentreffen zweier Menschen beschreibt, das Kennenlernen und Flirten, die körperliche Nähe, den Pullover, den der andere trägt, wenn er am Flughafen wartet. Und fast spürt man die körperliche Distanz, wenn das, was früher selbstverständlich war, nicht mehr funktioniert, wenn die Liebenden sich plötzlich voneinander entfremdet haben.
Büchern von Schriftstellern, denen nachgesagt wird, sie brächten das Lebensgefühl einer bestimmten Generation in ihre Romane, altern nicht immer gut. Für Tondelli gilt das nicht. Zwar ist "Getrennte Räume" eindeutig in den achtziger Jahren verortet, in einer Zeit, als Schriftsteller für ihre Bücher Summen bekamen, mit denen sie sich ein Leben in Hotels und auf Reisen leisten und den Geliebten gleich mit aushalten konnten, als eine bestimmte Gruppe von Menschen fast selbstverständlich nicht nur Englisch, sondern mindestens noch Französisch sprach, als es einen lebendigen Katholizismus gab und die Mauer noch stand, als der Zweite Weltkrieg nicht so fern war wie heute und Aids eine auch in Europa tödliche Pandemie.
Und doch wirkt dieser Roman modern und gegenwärtig. Nicht nur in der Beschreibung der Beziehung zwischen Leo und Thomas, was nicht allzu verwunderlich ist, sondern auch in seinen gesellschaftlichen Beobachtungen. Einmal ist Leo auf der Suche nach einem Zimmer in London. Dabei bekommt er dubiose Angebote zu überteuerten Preisen, auf die er selbst nicht angewiesen ist, andere aber schon: Menschen aus den ehemaligen Kolonien, die zu Billiglöhnen arbeiten, Menschen, "die im Schnitt zehn bis fünfzehn Stunden am Tag arbeiten, um sich diese höllischen Löcher leisten zu können".
Obwohl Tondelli zumindest vordergründig eine Liebesgeschichte erzählt, die vor allem einen der beiden Partner, Leo, sehr genau in den Blick nimmt, gelingt es ihm, dabei auch die Gesellschaft abzubilden, in der diese Geschichte sich abspielt. Es geht hier nicht, wie in vielen Paar- oder Familienromanen, nur um ein bestimmtes (oft mittelständisches) Milieu. Wir reisen mit Leo durch Europa und die USA, bekommen Einblick in ganz unterschiedliche Szenerien, in das Akademiker- und Künstlermilieu, in Junkietreffs und Schwulenbars, folgen Leo zu katholischen Prozessionen und Stadtfesten, in Kneipen, abgewrackte Unterkünfte und die Kleinstadt. Die Welt erscheint in diesem gleichzeitig so wahnsinnig intimen Roman groß und weit.
In einer Passage taucht Leos Mutter auf, die vom Bauernhof in der Kleinstadt gelandet ist. Diesen Hintergrund hat sie trotz ihres herausgeputzten Auftretens nie ganz abgeschüttelt: "Begegnet er seiner Mutter im Beisein anderer Menschen, so packt ihn jedes Mal diese Furcht, und er blickt sich ängstlich, wie besessen um, um nachzusehen, ob sich nicht ein unglückliches Huhn in die Nähe verirrt hat." Kann man das leichte Unwohlsein eines jungen Mannes, der die eigene soziale Herkunft hinter sich gelassen hat, charmanter beschreiben?
Man hätte diesem phantastischen Buch, das in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel von 1993 im Grunde ja nur wiederaufgelegt worden ist, gewünscht, man hätte sich dieser neuen Ausgabe mit mehr Sorgfalt gewidmet. Mal ist ein Leerzeichen zu viel, mal fehlt eins und generell ist der Text so eng gesetzt, dass manche Buchstaben regelrecht aneinanderkleben. Einmal wird sogar ein Satz mit einem Absatz durchtrennt. Hat man in einem Verlag, der zu einem großen Konzern gehört, keine Kapazität für eine weitere Korrekturschleife?
Dass "Getrennte Räume" in vielen Ländern neu erscheint, liegt nicht nur am Trend zur literarischen Wiederentdeckung, sondern auch daran, dass der italienische Regisseur Luca Guadagnino vor einiger Zeit eine Verfilmung angekündigt hat. Ob es die nun auch geben wird, ist unsicher (was vermutlich Verlage ärgern wird, die darauf gesetzt haben). Für die Leser sind diese Gründe aber vollkommen egal. Sie können diesen Roman nun endlich wieder lesen. Eine queere Liebesgeschichte, ja, aber auch ein Roadmovie, ein Roman über das Künstlersein, über Beziehungen, Trauer und Einsamkeit, ein Roman über das Leben.
#Pier Vittorio Tondelli: "Getrennte Räume", Gutkind Verlag, 240 Seiten
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