Zufälle machen das Leben und auch das Lesen interessanter. Dass ich bei hier bei Instagram auf die Frühjahrsvorschau des Wallstein Verlages blickte und mir das bekannte Gesicht der Polly Tieck entgegenschaute, das gehört in die Sparte der interessanten Zufälle. Bis heute hat kein Feuilleton in FAZ/FAS oder WELT eine Buchbesprechung gebracht, nur den Kulturredakteuren der Berliner Morgenpost war das Buch wohl aufgefallen, ich stieg also ohne Zögern vollkommen unvoreingenommen ein in diese Runde Literaturgeschichte.
Polly Tieck, geboren als Ilse Amalie Ehrenfried hinein ins Berliner Bildungsbürgertum, war mir bekannt, weil ich mit ihr aufs Entfernteste verwandt bin und über sie und ihre Familie bereits einiges recherchiert hatte. Die einzige persönliche Begegnung hatte ich mit ihr 2019 in der Lotte-Laserstein-Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie, als ich ihr Porträt im Original bewundern durfte. Der Bildtext, den ich damals fotografierte, wies im Übrigen keinen Fehler im Namen auf, daher konnte der Fehler in der von Heerde erwähnten Ausstellungsrezension also nicht stammen.
Mit diesem Buch nun ging ein Wunsch in Erfüllung, endlich konnte ich mehr über sie in Erfahrung bringen und noch viel wichtiger endlich einige ihrer Texte lesen.
Hans-Joachim Heerde hat nicht nur mühevoll nach ihren veröffentlichten Texten gefahndet, er hat auch eine exquisite Beschreibung der Modedesignerin, Schneiderin, Journalistin, Schriftstellerin und nicht zuletzt auch Lyrikerin geliefert. Nicht nur das Vorwort ist lesenswert und aufschlussreich, auch sein Versuch einer biografischen Rekonstruktion ist sehr gelungen. Ihr erster Ehemann Hellmuth Falkenfeld, über den ich mit Polly Tieck verschwägert bin, wird nicht nur in der Biografie ausführlich erwähnt, sie selbst schrieb auch über ihn in eindeutiger und zweideutiger Weise in ihren Feuilletons, wobei mir das Stück Ende einer kleinen Konditorei eines der liebsten im Buch geworden ist.
Polly Tieck, die ab 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft in ihrer Tätigkeit beschnitten und behindert wurde, hat mit ihrem zweiten, auch jüdischen Ehemann Hans-Georg (später Juan) Aufrichtig Deutschland Ende der 1930er Jahre verlassen können und fand Aufnahme in Chile. Dort stand der Erwerb des Lebensunterhalts an erster Stelle, geschrieben hat sie nach der Emigration wenig, überliefert ist wohl kaum etwas.
Polly Tieck hatte aus erster Ehe eine Tochter, geboren 1917. Ob sie Eva Gabriele oder Eva Gabriela hieß, konnte ich bisher noch nicht klären. Hier im Buch wird sie Eva Gabriele genannt, all ihre öffentlich einsehbaren Reisedokumente sind mit dem Passbild versehen, das im Buch verwendet wird, der Vorname dort ist immer Eva Gabriela. Sie starb an einer schweren Krankheit im Hause ihrer Mutter in Chile bereits 1968, ihr Ehemann nahm sich kurz darauf das Leben. Evas Vater, der unter dem Namen Helmuth Falkenfeld in den USA lebte, verstarb 1954 durch einen Autounfall in New York; ihm ist ein liebevoller Nachruf in der Exilzeitschrift Aufbau gewidmet. Polly Tieck verstarb 1975, ihr Ehemann Juan 1986, beide in ihrem Haus in Viña del Mar.
Nun zu den Feuilletons in diesem Buch: Hans-Joachim Heerde hat rund 400 Texte von Polly Tieck gefunden, aus denen er 65 in dieser Sammlung veröffentlich hat. Er hat sie transkribiert (eine echte Geduldsprobe, denn die Qualität der Originalzeitungen bzw. der vorhandenen Scanns ist oft nicht befriedigend) und vorsichtig bearbeitet, so dass der Leser einen guten Überblick über die Themen und über den Schreibstil von Polly Tieck erhält. Viele der Texte erschienen in der Vossischen Zeitung, oftmals an Wochenenden, und auch in Das Tage-Buch (Berlin), einer Wochenzeitschrift, die im Rowohlt-Verlag bis 1933 erschien. Aber auch Die Modewelt oder Das Unterhaltungsblatt u. a. veröffentlichten ihre Texte. Erstaunlicherweise wurden diese sogar im Ausland, z. B. in Prag oder Buenos Aires, nachgedruckt.
Für mich bedeuten diese Feuilletontexte aber noch etwas anderes: Ich kann wie durch ein Fenster ein Jahrhundert zurückblicken, ich sehe eine Epoche, die oft mit Die goldenen Zwanziger beschrieben wird. Polly Tieck lässt mich wie einen Stillen Teilhaber ihre Erlebnisse und Erfahrungen miterleben, ich gehe mit ihr ins Café, ins Theater, lasse mich lachend von den vier Unvermeidlichen beim Konzert ärgern, über Modebewusstsein belehren und kann mit ihr über Krawatten lästern. Aber so golden waren die Zeiten dann doch nicht, mit dem Wissen von heute sieht man die dunklen Wolken, die sich über Polly Tieck und Deutschland schieben. Mitte der 1920er Jahre aber weiß Polly Tieck das Kommende noch nicht, sie lebt und arbeitet, nutzt ihr Wissen und Können und macht sich einen Namen. Zu jener lang vergangenen Zeit zählten Mühe, körperliche wie geistige Anstrengungen, Leistungsbereitschaft und echter Karrierewillen zu den Eigenschaften, die heute leider oft abfällig betrachtet und dem bürgerlichen Milieu vorgehalten werden. Meine Großmutter, 1899 geboren, hat leider wenig über ihre Jugend und die Jahre vor dem Nationalsozialismus erzählt (das macht jetzt Polly Tieck für sie!), aber ich weiß, dass sie aus der Provinz nach Berlin zum Onkel geschickt wurde, damit sie in Neukölln ein Lyzeum besuchen konnte. Sie kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, aber ihr Vater, ein Schneidermeister, wusste um den unschätzbaren Wert guter Bildung. Das kam ihr ein Leben lang zugute.
Da der Autor in seinem Vorwort schon eine exzellente Zusammenfassung und Bewertung von Polly Tiecks journalistischer/feuilletonistischer Arbeit gegeben hat, ist es schwierig, hier noch etwas Besseres zu formulieren. Deshalb will ich nur über meine Leseeindrücke schreiben, die im Gegensatz zur hochgelobten Thematik manchmal nicht ganz so euphorisch sind. Das liegt wohl vor allem an den heutigen Schreib- und Lesegewohnheiten, ich möchte immer schnell und prägnant zur Pointe kommen, allzu lange, eloquente Texte, wie Heerde sie beschreibt, machen mich doch einigermaßen ungeduldig. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, die Schreiberin las selbst gern ihre Texte, fand sich darin wieder und hatte dann schon die nächste Idee. Sie fand die Ideen in ihrem eigenen Milieu, dem Bildungsbürgertum, und sie schrieb auch für dieses Milieu, wie anders könnte man sich Texte wie Ifrudot oder Der Kampf um die Schönheit erklären, denn der tägliche Kampf Also Training, Sport, Luft und Sonne war in den 1920ern wohl kaum etwas, mit dem sich die durchschnittliche Berliner Arbeiterfrau beschäftigte. Dass Polly Tieck sich ob ihrer eigenen Klasse noch Asche aufs Haupt schüttete, weil sie meinte, die Besitzenden wären wohl an allem schuld, das hat mich im Text Meine Erlebnisse als Geschworene dann doch etwas irritiert. Ebenso irritierend fand ich die Kindheitserinnerungen an die neun Zimmer, die ihr wie kalte Fratzen entgegenstarrten. Wem wollte sie mit solchen Bekenntnissen imponieren?
Dass Polly Tieck eine Frau von Bildung und Geschmack war, das wird ihr niemand absprechen. Ihr Ressort war die sogenannte Neue Frau, damit kannte sie sich aus. Und sie parlierte mit französischen Einsprengseln in ihren Artikeln, mein lang verschollenes Schulfranzösisch reicht leider nicht mehr aus, so dass ich von Zeit zu Zeit ein elektronisches Wörterbuch zu Rate ziehen musste. Mit »Pas sur la bouche« ging es im ersten Text los, Latein fand sich später auch noch, »Dulce et decorum est, pro patria mori.«
Polly Tieck legt in ihre Texte sehr viel Unterschwelliges, man bemerkt bei ihr auch eine kleine Überheblichkeit, die sie ab und an aufblitzen lässt. Da kann sie dann schon mal auf gewöhnliche Leute herabschauen von den Höhen ihres Bildungsbürgertums. Sie versucht es mit fast allen Themen, die der (politische) Alltag bietet, ihren Lesern ihre Gedankenwelt nahe zu bringen, ja, sie regelrecht zu belehren und zu überzeugen. Sei es Kindererziehung, Liebesbeziehung, Pazifismus oder Urlaubsstimmung, zu allem kann sie etwas beitragen. Wie dem auch sei, am Ende ihres Lebens wird Polly Tieck verstanden haben: Die Welt ist kein goldener Garten, die Menschheit ist nicht göttlich.
Noch einige Worte zur Buchgestaltung: Der Umschlag ist so passend, dass es besser nicht geht, das Foto der jungen Polly Tieck mit Monokel, Telefonhörer und supermodernem Haarschnitt fällt sofort auf. Und trifft auf den Punkt!
Fazit: Die aufwendige Recherchearbeit von Hans-Joachim Heerde hat das feuilletonistische Werk von Polly Tieck aus den Tiefen der Archive hervorgeholt, so dass dieses Buch durch ein exzellentes Vorwort und einen ausführlichen biografischen Teil zu einem literaturgeschichtlichen, wohl einmaligen Gesamtwerk wurde.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.