
Ein fesselndes Porträt des berühmtesten Helden der Antike
Die Abenteuer des Odysseus faszinieren die Menschen seit der Antike. Der Held erscheint als listiger Überlebenskünstler, politischer Stratege und Vertreter einer Gesellschaft, die sich neu erfindet - zwischen Seefahrt und dem Streben nach Reichtum. Dieses elegant geschriebene Buch bietet einen historisch fundierten Zugang zur Odyssee - jenseits moderner Mythen und Idealisierungen - und zeigt, dass Odysseus mehr mit uns zu tun hat, als wir glauben wollen.
Jeder kennt ihn, doch niemand weiß, wer er wirklich war: Odysseus, der König von Ithaka, der auszog, Troja zu erobern; der auf der Rückfahrt bis ans Ende der Welt verschlagen wird, um nach 20 Jahren Frau und Heimat zurückzugewinnen. Der berühmteste Held der homerischen Epen ist aber auch Repräsentant einer Schlüsselepoche der Antike, die unsere Kultur bis heute prägt. Raimund Schulz zeigt am Leben des Odysseus das ungeschminkte Antlitz einer Zeit voller Not, Unsicherheit und Ängste, eine Welt der politischen Kämpfe und der Abenteuer, in der starke Frauen dem Helden den Weg weisen. Die Entzauberung eines Helden lässt ein Weltepos in neuem Licht erscheinen: Es ist Spiegel einer Gesellschaft, die alle menschlichen Abgründe kennt, die Raub und Mord zum Überlebensmotto macht, in der Triumph und tiefer Fall ganz nahe beieinander liegen, die aber auch um den Wert des Menschen weiß, der sich wie Odysseus immer wieder aufrichtet und gegen alle Widrigkeiten überlebt.
Ungekürzte Ausgabe
Besprechung vom 15.07.2026
Ein gut betuchter Betrüger
Raimund Schulz widmet sich Odysseus aus sozialkritischer Perspektive und erkennt in ihm den Prototyp des fehlerhaften Helden.
Alle warten ungeduldig auf das Anlaufen der neuen Odyssee-Verfilmung von Christopher Nolan, die am morgigen Donnerstag Deutschlandpremiere hat. Die große Aufmerksamkeit im Vorfeld zeigt, welch ungebrochene Faszination nicht nur der facettenreiche mythische Stoff, sondern auch die Titelfigur ausübt: Odysseus, der blitzgescheite, leidgeprüfte Abenteurer, der im Film von Matt Damon verkörpert wird. Dieses breite Interesse schlägt sich auch in Buchpublikationen nieder, die neue Perspektiven versprechen. Sogar am Teutoburger Wald, sonst eher für das Ringen um den historischen Ort der Varus-Schlacht bekannt, wurde Odysseus nun ins Kreuzverhör genommen: Der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz, von dem eindrucksvolle Panoramen zu Themen wie antike Seefahrt, Krieg, Herrschaft und Weltgeschichte stammen, widmet sich dem vielseitigen Helden aus einer dezidiert sozialkritischen Perspektive.
Schon in der antiken Philologie war man sich einig, dass die Figur des umtriebigen Migranten in der "Odyssee" komplexer gezeichnet ist als die Helden der älteren "Ilias". Auch genießt sie die Sympathie ihres Erzählers - so hatte Eustathios, ein Bischof aus Byzanz, Homer in seinem Kommentar als philodysseus, einen "Odysseus-Freund", bezeichnet. Gewogen, wenn auch durchaus nicht bedingungslos, ist auch Schulz seinem wortgewandten "Lieblingshelden". Schulz bemüht sich in dreizehn thematischen Blöcken und einer Bilanz um ein denkbar konkretes Porträt, indem er den im Epos fassbaren großen Themen rund um Liebe und Tod, Abenteuer und Gefahr, Heimat und Fremde, Gewalt und Schönheit, Rausch und Vernunft nachspürt, dabei aber auch immer wieder nüchterne Diagnosen zur menschlichen Natur, zur "Beutegier" der Menschen und der sie begleitenden Götter bietet.
Der historische Fokus ist von Beginn an deutlich: Vor allem die unterschiedlichen Machtkonstellationen sowie die Topographie mit ihren vielfältigen Handelsbeziehungen zwischen West und Ost fesseln den Verfasser: "Ständig waren Menschen unterwegs", heißt es einmal lakonisch, und die integrierten Kartenansichten belegen eine gewisse Sehnsucht nach Fakten. Dennoch bleibt Schulz vorsichtig bei allzu eindeutigen Zuordnungen, weiß er doch, dass schon der hellenistische Gelehrte Eratosthenes (3. Jh. v. Chr.) allzu Ambitionierte verspottete mit dem ironischen Kommentar, die Route des Odysseus sei erst identifizierbar, wenn man den Schuster gefunden habe, der für die Vernähung des von Aiolos erhaltenen Windschlauches verantwortlich war.
In diesem Bewusstsein widmet sich Schulz zunächst der "großen Welt kleiner Helden", wobei er besonders das soziale Gefüge des 7. Jh. v. Chr. (als möglichen historischen Hintergrund der Verschriftlichungszeit) in den Blick nimmt, mit seinem starken Machtgefälle zwischen Aristokraten und Bauern. Wo wäre hier der Ort des Odysseus? Schulz erinnert an seine Abkunft aus einer Familie von gut betuchten Betrügern, eine Hypothek, die seinen Charakter von Beginn an, im Guten wie im Schlechten, auszeichnet. Odysseus schlägt sich als "Diplomat, Kundschafter und Städtezerstörer" durch. Sein zwielichtiger Ruf sorgt dafür, dass er und seine Mannen auf der Heimreise gen Ithaka nicht immer sonderlich zuvorkommend behandelt werden, etwa bei dem menschenfressenden Riesenvolk der Laistrygonen oder dem nicht weniger kannibalischen Polyphem.
Noch die Heimat Ithaka betritt der begnadete Schauspieler in Tarnung, um den Erfolg seiner "mission impossible" (Schulz hat eine kleine Schwäche für große Vergleiche), die mörderische Rache an den Freiern und ihren Vasallen, nicht zu gefährden. So wirkt denn auch das Ende der "Odyssee" bei Schulz vergleichsweise ernüchternd; er stellt mit einem unverkennbar sozialromantischen Einschlag fest, dass es "keine Solidarität der Armen und Glücklosen" gegeben habe, sondern reine Konkurrenz, bringt aber auch Verständnis auf, denn in dieser "nüchternen Bauernwelt" habe man weder auf "staatliche Unterstützung" noch auf "Gerechtigkeit" oder "Barmherzigkeit" setzen können. Überhaupt: "Ehrlichkeit und Redlichkeit waren in dieser Zeit ein Luxus, den man sich in der Praxis selten leisten konnte."
Kann sich dieser fragwürdige Held aus einer "archaischen, wilden Welt" dennoch als moderne Orientierungsfigur eignen? Schulz scheint das zu suggerieren, wenn er an Odysseus auf der einen Seite Neugier, Mut und Aufgeschlossenheit hervorhebt, auf der anderen seine Entwicklungsfähigkeit akzentuiert: Aufgrund der zahlreichen existentiellen Erfahrungen sei aus dem "selbstbewussten Betrüger" ein "skeptischer Zauderer" geworden, den Selbstzweifel plagten. Somit erscheint er als "Prototyp des fehlerhaften und gebrochenen Helden", und gerade dadurch erweist er sich als kompatibel noch mit unserer Gegenwart.
Dazu trägt auch sein Äußeres bei, stellt Schulz ihn sich doch wie einen Club-Türsteher vor; vor allem aber reüssiert er als "Frauenversteher". Leider neigt Schulz bei aller Subtilität seiner Analysen in dieser Hinsicht zur Bedienung unerfreulicher Klischees, die in letzter Zeit häufiger reproduziert werden: Frauen erscheinen als ein "dämpfendes Moment gegen Götterzorn und grobschlächtige Dummheit der Männer", auf deren "aktive Mitarbeit und Hilfe" man auch als Superheld angewiesen war. Immerhin weiß Schulz, dass die Helden der Vorzeit der ständigen Gefahr ausgesetzt waren, "den Reizen junger Frauen an fremden Küsten zu verfallen". In der Begegnung mit der jungen Prinzessin Nausikaa, die sich "ihrer Sexualität bewusst" sei, sieht er "eine der schönsten Romanzen der Weltliteratur". Kirkes Reizen konnte niemand widerstehen, wiewohl sie eigentlich auf die "Entmannung" ihrer Objekte abzielte, und bei Kalypso bleibt von Odysseus nur mehr ein einsamer "Mann, der gut versorgt Sex liefern muss".
Dagegen steht die harmonische Wesensgemeinschaft mit der klugen und verständigen Penelope, die sich, da scheint Schulz sich ziemlich sicher, "als Sterbliche (im nicht mehr ganz jungen Alter) mit den körperlichen Vorzügen Kalypsos nie messen" könnte. Immerhin trifft hier eine Beobachtung ins Wesentliche: Penelope ist Teil der Gemeinschaft, auf die Odysseus existenziell angewiesen war, und die er gegenüber der - nicht zuletzt durch den Verlust all seiner Gefährten bedingten - Einsamkeit auf Reisen und dem "Sex-Gefängnis" der Nymphe bevorzugt.
Am Ende entpuppt sich Odysseus also doch als soziales Wesen, mit all seinen Vorzügen und Brüchen. Warum teilt er dann nicht den reichen Schatz, den ihm die Phäaken schenkten, mit seinen Leuten? Nun, der Schatz bleibt verschwunden, und das lässt Schulz keine Ruhe. Man möchte ihm wünschen, dass er irgendwo in den finsteren Schlünden des Teutoburger Waldes verborgen liegt. Aber vielleicht hat ja Christopher Nolans Film die Lösung parat. MELANIE MÖLLER
Raimund Schulz: "Odysseus". Mythos und Wahrheit.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 320 S., Abb., geb.
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