Die Bleibende von der bulgarischen Autorin Rene Karabash hatte mich vom Thema her und aufgrund der Nominierung für die Shortlist des International Booker Prize 2026 sehr angesprochen, lässt mich nach dem Lesen aber mit etwas gemischten Gefühlen zurück.
Die Protagonistin Bekija trifft eine radikale Entscheidung, um einer von ihrer Familie arrangierten Ehe zu entkommen: Sie legt den traditionellen Eid ab, eine Schwurjungfrau (Burrnesha) zu werden. Sie schwört lebenslange Keuschheit, entsagt ihrer Weiblichkeit und nimmt den männlichen Namen Matisia an. Von da an genießt sie im Dorf die Rechte und den Status eines Mannes.
Diese Entscheidung bricht jedoch den patriarchalen Ehrenkodex. Weil die arrangierte Ehe platzt und der abgewiesene Bräutigam als zutiefst gekränkt gilt, kommt eine unaufhaltsame Blutrache in Gang. Dies zerstört Matisias Familie und reißt sie gewaltsam von den Menschen los, die sie am meisten liebt. Auch ihr Bruder bricht aus den traditionellen Rollenerwartungen aus und muss fliehen.
alles, wonach man sich heftig sehnt, geht in Erfüllung auf die eine oder andere Weise
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denn im Mutterleib schon vernahm ich so allerlei, hörte etwa meinen Vater sagen ich bitte Sie, Herr Doktor, tun Sie etwas, bringen Sie ihn zurück, es tut mir leid, guter Mann, der Junge ist nicht da, zum Glück ist der weibliche Embryo vollkommen gesund, sogar in bestem Zustand, wenn er sich weiter so entwickelt, werden sie ein gesundes, kräftiges Mädchen bekommen, Papas Junge, bleib bei mir, Dana hebt ihre Hände und diese füllen sich mit meinem Gesicht, ich weine lange, dann weint sie mit mir, später schweigen wir, sie legt sich neben mich auf das Bett und nimmt mich in den Arm
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du bist an nichts schuld, sagt sie
es ist nicht deine Schuld, dass du als Frau geboren wurdest
für eine Sache kann der Mensch wirklich nichts dass er geboren wurde
So wichtig und mutig das Thema der geschlechtlichen Selbstbestimmung auch ist die Umsetzung ist leider literarisch extrem schwer zugänglich. Die Autorin hat einen Schreibstil gewählt, der oft völlig ohne Satzzeichen auskommt, es liest sich wie ein atemloser Bewusstseinsstrom, bei dem Gedanken, Erinnerungen und Dialoge ohne klare Trennung miteinander verschmelzen. Das erfordert höchste Konzentration. Ich fand diesen experimentellen Erzählstil interessant, aber auch anstrengend. Für mich persönlich war das Buch insgesamt zu konstruiert, um mich vollends zu überzeugen.
Vielen Dank an den Verlag Friedrich Mauke und NetGalley.de für das Rezensionsexemplar!