
Wir müssen den Kampf um die Zukunft wieder aufnehmen
Wir leben in einer Zeit des Umbruchs: Neue Spaltungen entstehen, die Demokratie wird von Krisen erschüttert, geopolitische Herausforderungen fordern uns heraus wie nie zuvor. Inmitten dieser tiefgreifenden Veränderungen treffen zwei kluge Köpfe aufeinander: die Grünen-Politikerin Ricarda Lang und der Soziologe Steffen Mau. Gemeinsam analysieren sie die großen Themen unserer Zeit - von sozialer Ungleichheit über politische Polarisierung bis hin zur Krise der Staatlichkeit. In ihrem Dialog stellen sie drängende Fragen: Wie können wir den gesellschaftlichen Diskurs aus der Falle der Affektpolitik befreien? Was braucht es, um Fortschritt neu zu denken? Und wie können wir Demokratie und Zusammenhalt in einer von Krisen geprägten Welt stärken? Ihr Buch bietet keine einfachen Antworten, sondern zeigt, warum wir offene, ehrliche und informierte Gespräche brauchen, um zukunftsfähige Lösungen zu finden. Ein Mut machender Beitrag zur Debatte über unsere gemeinsame Zukunft.
Besprechung vom 03.02.2026
Dem Soziologen sei Dank!
Die frühere Grünen-Chefin Lang und Steffen Mau trauen sich, grundsätzlich zu werden
Politikerbücher sind ein Genre, das seinen Autoren gewöhnlich wenig Freiraum lässt. Im Fall der Retrospektive erklären frühere Politiker, was sie gut gemacht haben (im Fall guter Politikerbücher auch, was nicht so gut war). Aktive Politiker beschreiben normalerweise hingegen, was sie alles Gutes tun werden, wenn der Wähler sie nur lässt.
Das Buch, das die frühere Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang mit dem Soziologen Steffen Mau veröffentlicht hat, ist kein Buch, das unter zu wenig Freiraum leidet. Zum einen spricht Lang darin nicht als frühere Parteichefin, sondern zumindest ein bisschen auch als erneute künftige grüne Spitzenpolitikerin. Zum anderen gelingt es der Politikerin in Begleitung des Wissenschaftlers Mau tatsächlich weitgehend, schnelle Lösungen gar nicht erst vorzuschlagen. Und so liest man ein politisches Buch, in dem es erfreulich grundsätzlich um die unerfreulich komplizierte politische Problemlage geht.
Beide sprechen dabei aus einer linken Perspektive, also aus einer politischen Grundhaltung heraus, die Gerechtigkeitsfragen auch für Verteilungsfragen hält. Mau zum Beispiel fragt: "Wie gut funktioniert eigentlich Demokratisierung unter den Bedingungen von ökonomischer Prekarität oder Krisenhaftigkeit?" Er antwortet dann auch gleich: "Die Befunde sind eigentlich immer dieselben: nicht besonders gut." Der Soziologe hat die DDR erlebt, er forscht viel zu Einstellungen im Osten - damit kann er die politische Debatte mit Lang um Perspektiven ergänzen, die einer jungen Frau aus Schwaben sonst entgehen könnten.
Lehrreich ist zum Beispiel, wie Mau beschreibt, dass nach dem Ende der DDR die allgemeine Hoffnung war, nun endlich in einem leistungsgerechten System zu leben. Statt politischer Loyalitäten schien es so, als könne man alles werden, "wenn man sich nur anstrengt und qualifiziert. Doch als die Leute die Tür zur Marktwirtschaft durchschritten hatten, stellten sie fest: Meine Güte, hier regiert ja der Zufall, je nachdem, wie alt ich gerade bin, welchen Beruf ich habe oder ob ich mobil bin, also nach Österreich oder Baden-Württemberg gehen kann. Davon hängen meine Lebenschancen ab."
Wäre solcher Frust nicht auch von links politisch zu bearbeiten? Ricarda Lang stellt unter anderem ihren eigenen Grünen in dieser Frage ein fatales Zeugnis aus: Erstaunlich sei es, "dass fast keine Partei in Deutschland - auch meine nicht - das Thema Bildungsaufstieg nach vorn stellt, obwohl es ja eigentlich eines der bestimmenden Themen der deutschen Geschichte war und ist." Zumal ihre politischen Gegner den Frust ausnutzten, wie Lang politikerbuchpolemisch beobachtet: " Wenn ein Jens Spahn sagt, heute könnten sich nur noch Bürgergeldempfänger eine Wohnung in der Innenstadt leisten, dann ist das natürlich Quatsch und komplett absurd. Er nimmt ein real existierendes Problem - die Leute finden keine Wohnung mehr in der Innenstadt, zumindest keine, die sie bezahlen können - und sucht dafür einen Sündenbock. Er tritt erst einmal ordentlich nach unten."
Interessanterweise empfiehlt Lang im Gespräch mit Mau nun gerade nicht, sich über den CDU-Politiker Spahn aufzuregen. "Warum kommen diese Aussagen bei vielen Menschen an? Weil sie real keine bezahlbare Wohnung finden. Der Wohnungsmarkt ist verdorben, Bürgergeldempfänger gibt es auch, irgendetwas wird schon dran sein . . . Da hilft es nichts, immer nur mit Empörung und erhobenem Zeigefinger zu reagieren, wie ich es sehr oft bei politischen Weggefährten erlebe." Stattdessen gelte es, wieder Vertrauen zu schaffen darauf, "dass es uns kollektiv besser gehen kann, dass es zu einer Form von sozialer Sicherheit und tatsächlich gerechter Verteilung kommt, gerade auch für die Mittelschicht. Denn je bedrohter die sich fühlt, desto stärker wird sie versuchen, sich nach unten abzusichern."
Auf 400 Seiten werden hier politische Grundfragen erörtert, eher Haltungen ausbuchstabiert als Haurucklösungen propagiert. Der Soziologe, selbst ein in der Politik gefragter Gegenwartsdeuter, kann immer wieder mit skeptischen Einwürfen Anlässe für Perspektivwechsel bieten, die Politikerin herausfordern. Das tut dem Nachdenken über politische Programme gut und ist auch für denjenigen aufschlussreich, der politische Grundsatzfragen anders gewichten würde als Lang und Mau.
Beide sind sich einig, dass Parteien nicht nur Meinungen abbilden sollten, sondern auch darum bemüht sein, solche Positionen in der Bevölkerung überhaupt erst zu bilden. Dafür sollten Politiker nicht nur in Programmkommissionen mit ihren Parteifreunden sprechen, sondern, so legt das Buch nahe, auch mit Leuten von außen. Nicht nur, aber sehr gerne auch, mit Soziologen. LUKAS FUHR
Ricarda Lang, Steffen Mau: "Der große Umbruch". Ein Gespräch über Krisen, Konflikte und Kompromisse.
Ullstein Verlag, Berlin 2025. 400 S.
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