Manchmal braucht es keine ausgefeilte Biografie, um einem Menschen erschreckend nah zu kommen. Ein Brief reicht. Bei Rolf Dieter Brinkmann sind es mehr als hundert, und nach einigen Seiten hatte ich das Gefühl, neben einem jungen Mann zu sitzen, der ständig zwischen großer Hoffnung und völliger Verzweiflung hin und her rutscht.
Brinkmann ist hier noch nicht der berühmte Kultautor. Er ist Schulabbrecher, angehender Buchhändler, verliebter Teenager, enttäuschter Sohn und ein junger Schreiber, der Gedichte an große Verlage schickt und eine Absage nach der anderen kassiert. Man möchte ihm zwischendurch auf die Schulter klopfen und sagen: Junge, bleib dran. Gleichzeitig wirkt manches herrlich übertrieben, so wie Gefühle eben sind, wenn man jung ist und glaubt, jede Enttäuschung sei mindestens das Ende der Welt.
Besonders berührt haben mich die Briefe über seine Mutter, die schwierige Beziehung zum Vater und seine große Unsicherheit. Hinter all dem literarischen Ehrgeiz steckt ein Mensch, der verzweifelt nach Halt, Anerkennung und einem Platz im Leben sucht. Das macht diese Sammlung so stark und stellenweise auch ziemlich traurig.
Spannend sind zudem Brinkmanns Gedanken über Bücher, Gedichte, Filme und Musik. Da blitzt bereits auf, was später aus ihm werden sollte. Die ausführlichen Kommentare der Herausgeber helfen dabei enorm, verlangen aber auch Aufmerksamkeit. Mit 562 Seiten ist das kein Buch, das man mal eben beim Kaffee wegliest. Mein Kaffee war mehrfach kalt, Brinkmann dafür plötzlich erstaunlich lebendig.
Eine kluge, sorgfältige und menschlich berührende Briefedition über die Jahre, in denen ein großer Autor noch niemand war und trotzdem schon unbedingt jemand werden wollte.