Immer mal wieder graben Verlage vergessene Schätze aus, sehr zur Freude der Leser. So auch hier. Der Zürcher Kampa Verlag hat mit Lady Rose einen zauberhaften Roman veröffentlicht, den, laut Klappentext, schon Queen Mum so geliebt hat, dass sie die Autorin zum Tee einlud. Erschienen ist das Buch bereits 1937; die eigentliche Handlung führt uns aber noch weiter in der Zeit zurück.
En englischer Anwalt, seine Frau und sein amerikanischer Freund reisen Anfang der 1930er Jahre durch Schottland. Auf ihrer Fahrt die Küste entlang stoßen sie auf ein herrschaftliches Anwesen. Da das Haus für eventuelle Mieter offensteht, nutzen sie die Gelegenheit zur Besichtigung. Eine alte Hausdame, Mrs. Memmary, führt die Besucher durch das seit Jahrzehnten leerstehende Haus. Hinter den verblassten Tapeten und dem rissigen Putz lässt sich noch die frühere Pracht und Schönheit erahnen. Während die Touristen durch die leeren Räume gehen, erzählt ihnen Mrs. Memmary die Geschichte von Lady Rose, der Herrin von Haus Keepsfield.
Sie wird Mitte des 19. Jahrhunderts als einziges Kind eines reichen schottischen Grafen geboren. Rose ist ein aufgewecktes und liebevolles Mädchen, voller Stolz auf ihre schottische Heimat. Sie wächst inmitten der Natur und mit allen Annehmlichkeiten ihres Standes auf. Einzig die häufige Abwesenheit ihrer Eltern, die ihren Aufgaben am Hof von Queen Victoria nachkommen müssen, macht sie traurig.
Ihre unbeschwerte Kindheit endet, als sie ihre Eltern auf eine standesgemäße Schule in England schicken. Das Internat ähnelt mehr einem Kloster oder einem Gefängnis, doch Rose fügt sich. Sie findet Freundinnen und lernt brav all das, was eine zukünftige Gräfin wissen muss.
Als Rose 18 Jahre alt ist, darf sie endlich ihren Antrittsbesuch bei Queen Victoria machen. Und danach beginnt die Ballsaison in London, wo es v.a. darum geht, einen Mann zu finden. Und es gab zwei Möglichkeiten: Entweder war die Familie hocherfreut über eine gute Partie, oder sie wurde ziemlich wortkarg, damit möglichst keiner merkte, dass man eine schlechte Partie gemacht hatte. Rose ist noch ganz das unschuldige, schwärmerische Mädchen, das von einem gut aussehenden jungen Mann träumt und romantische Vorstellungen von der Ehe hat. Doch ihre Eltern haben schon den passenden Kandidaten für sie ausgewählt. Er ist nur Baronet, aber ein alter schottischer Titel, und er hat zehntausend Morgen, die praktisch direkt an Keepsfield grenzen. Rose, naiv und vertrauensvoll, beugt sich erneut den Wünschen ihrer Eltern.
Doch ihr Mann leidet von Anfang an darunter, dass seine Frau ihm an Status und Reichtum überlegen ist und lässt sie das spüren. Nach außen hin gelten sie als das perfekte Paar. Drei Kinder scheinen das Glück vollkommen zu machen. Doch Rose, die sich so nach Liebe sehnt , spürt, dass in ihrer Ehe das Wesentliche fehlt. Zehn Jahre war sie nun schon mit ihm verheiratet, seit zehn Jahren war sie mit ihrem warmen, impulsiven Wesen an seine Kälte gefesselt. Einzig im Umgang mit ihren Kindern lebt sie auf, ist sie glücklich.
Aber dann begegnet sie eines Tages auf einer Parkbank in Edinburgh einem jungen Mann und Rose trifft eine Entscheidung, die niemand in ihrer Umgebung billigt.
Es ist eine bittersüße Geschichte, die uns Ruby Ferguson hier erzählt. Bei aller Nostalgie sind doch die kritischen Töne nicht zu überhören. Schon zu Beginn, als Rose noch vermeintlich eine idyllische Kindheit hat, ist die Distanz und der Standesdünkel der Eltern zu spüren. Da ist der Vater, der lieber einen Sohn, einen richtigen Erben gehabt hätte. Aber auch die Mutter ist, bei aller Liebe zu ihrer Tochter, selten für sie da und legt sehr viel Wert auf den äußeren Schein.
Dabei ist Rose eine Figur, die man ins Herz schließen muss. Liebenswürdig, offen, impulsiv, voller Freude und Neugierde auf das Leben. Doch das sind keine Eigenschaften, die bei Frauen erwünscht waren. Zu eng war das Korsett, in das man sie gepresst hat, gerade für Frauen ihres Standes. Ihnen wurde kein eigener Wille zugestanden, keine eigenen Ansichten oder Ideen. Stattdessen wurde erwartet, dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse begraben und sich an die strengen Regeln und Konventionen ihrer Zeit halten. Wer sich darüber hinwegsetzte, wurde hart bestraft. Für solche war kein Platz mehr in der Gesellschaft.
Der Roman kommt zunächst leicht daher, ist aber tiefgründig und melancholisch. Wer auf ein Happy-End gehofft hat, wird enttäuscht. Davor warnt sogar ausdrücklich die Autorin. So heißt es : Es kommt noch mehr, und es ist gut möglich, dass es Ihnen nicht gefällt. Wollen Sie riskieren, die Wahrheit zu erfahren, und weiterlesen? Wenn Sie es tun, dann tun Sie es auf eigene Verantwortung. Eine Geschichte ist erst auserzählt, wenn alles zur Sprache gekommen ist - aber das ist kein Grund, sie einem Leser, der bei seiner Lektüre empfindlich ist, aufzudrängen.
Lady Rose ist ein wunderbarer Roman über eine liebenswerte und starke Frau und über eine Zeit und eine Gesellschaft, bei der die Fassade wichtiger war als tiefe menschliche Gefühle. Ein Buch wie eine Rose, voller Schönheit und Eleganz und voller schmerzhafter Dornen.