Endlich ein neuer Roman von Ruth-Maria Thomas! Nach Die schönste Version und wie ich frau bin habe ich sehnsüchtig auf Die zweitgrößte Liebe gewartet - und es hat sich gelohnt.
Nach der Pleite ihres Schmuckgeschäftes muss Protagonistin Michelle, Anfang 30, ihren großen Traum hinter sich lassen. Sie packt ihren Koffer und beschließt, im Westen einen Neuanfang zu wagen.
In ihren Arbeitsvertrag hatte sie Michelle statt Mishelle eingetragen. [...] Sie hatte gedacht, es würde sie erleichtern. Endlich weg von dem fatalen Rechtschreibfehler ihrer Mutter, die ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben in ihren und den Namen ihres Bruders, Maurice, gesteckt hatte. Endlich weg, weg von einem Namen, mit dem sie gescheitert war. Neuer Name, neues Glück, alles noch einmal auf Anfang. Doch es machte sie auch traurig: Hier wusste niemand, wie sie wirklich hieß und wer sie einmal gewesen war. Wenn sie mit ihrem Bruder telefonierte und der sie Shelly nannte, wie früher, war das tröstlich, irgendwie.
Als Rezeptionistin eines Hotels trifft sie auf eine für sie völlig fremde Welt aus Reichtum und Luxus ein großer Gegensatz zu ihrem Leben, geprägt von Entbehrungen in der Kindheit damals und den belastenden Schulden und Sorgen heute.
Die Angst, dass es die falsche Entscheidung gewesen war wegzuziehen, in diese viel zu teure Stadt.
Die Angst, dass sie bei dem Gehalt, in dem Tempo, in dem sie ihre Schulden abarbeitete, auch noch in hundert Jahren die Reste aus dem Hotel mitnehmen würde.
Und was, wenn ihr etwas passierte?
Abends, zu Hause auf ihrem Fensterbrett flackerten die Lichter der Stadt, und sie rechnete in ihrem Haushaltsbuch, einem karierten Schulheft, gegen die Angst an.
Michelle lernt Henry kennen. Er wuchs sehr privilegiert auf, Geldsorgen kennt er nicht. Trotz aller Gegensätze verlieben sich die beiden. Michelle taucht ein in ein Leben ohne Geldsorgen, das sie so nie erlebt hat.
Wie fühlt es sich eigentlich an, so abgesichert zu sein?, fragte sie ihn in einer Nacht, in der sie nicht schlafen konnte, ihr Tag-Nacht-Rhythmus war durch die Schichten komplett hinüber. Sie lagen in ihrer kleinen Kammer, und die Heizung bollerte ununterbrochen.
Henry sagte, dass er darüber noch nie nachgedacht habe, er müsse ja auch arbeiten gehen, fühle sich nicht wie jemand, der für immer ausgesorgt habe, ja, aber, entgegnete sie dieses Gefühl, dass im Notfall für ihn gesorgt sei, dass die Familie Haus und Wohnungen, sicher auch Geld angelegt habe, oder? Ja. Also, dieses Gefühl, dass ihm finanziell eigentlich nichts passieren könne, außer er würde spielsüchtig werden und alles im Casino verzocken, sie lachte bei der Vorstellung: Henry am einarmigen Banditen. Er schwieg, drehte ein paar ihrer Haarsträhnen um seinen Zeigefinger.
Es fühlt sich normal an. Schätze ich, sagte er schließlich langsam. Es ist etwas Selbstverständliches für mich.
Ich stell es mir vor wie eine warme Dusche, wie ein weiches Bett, als wäre das Leben dann perfekt.
Er lachte auf. Perfekt sei es nicht. Schön wärs. Probleme gebe es ja trotzdem immer irgendwie.
Sie schwieg, dachte daran, wie viele ihrer Probleme mit Geld zu tun hatten.
Und was ist das für ein Gefühl Existenzangst zu haben?
[...]
Wie sollte sie ihm erklären, was das für ein Gefühl war. Den Verdacht zu haben, dass es für sie keine gute Zukunft gab. Sich Träume lieber zu verbieten. Immer zu rechnen. Das ständige schlechte Gewissen beim Geldausgeben. Noch eine Nachtschicht anzunehmen. Und noch eine. Wer brauchte schon Schlaf? Immer zu müssen.
[...] Es ist, als würde über allem ein Schatten liegen, antwortete sie schließlich nur knapp.
Und dank ihrer sich festigenden Beziehung scheint auf einmal auch für Michelle ein sorgenfreies Leben möglich zu sein doch sie beginnt sich zu fragen, welchen Preis sie zu zahlen bereit ist.
Du möchtest mich heiraten, damit ich mich sicher fühle?
Damit du abgesichert bist, das Angebot von Alexander nicht annehmen musst.
Sie sah ihn an, ihr Gesicht nicht ganz lesbar für ihn im Schein der Kerze.
Abgesichert.
Abgesichert.
Abgesichert mit wie viel?
Wie bitte?
Statt nach dem Ring, griff sie nach ihrer Zigarettenschachtel.
Mit wie viel Geld wäre ich denn abgesichert?
Ruth-Maria Thomas kreiert von Anfang an eine unfassbare Atmosphäre, die total in den Bann zog. Ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Dieser Roman über gesellschaftliche Unterschiede (auch im Hinblick auf Ost-West), Klassismus und Herkunft hat mich wirklich absolut begeistert: Die zweitgrößte Liebe gehört definitiv zu meinen diesjährigen Jahres-Highlights!
Vielen Dank an den dtv Verlag, Vorablesen.de & NetGalley für das Rezensionsexemplar!