Manchmal liegt ein Sachbuch vor einem und denkt sich wahrscheinlich: Komm, ich mache es dir heute nicht bequem. Genau so fühlt sich Der Kaiser von Dahlem an. Sam Apple erzählt von Otto Warburg, diesem brillanten, schwierigen, exzentrischen Krebsforscher, der mitten im dunkelsten Kapitel Deutschlands weiterarbeitet, während um ihn herum die Welt moralisch komplett in Flammen steht.
Das ist keine gemütliche Biografie mit Tee und Kuscheldecke. Eher ein Buch, bei dem man zwischendurch dasitzt, die Stirn runzelt und denkt: Wie kann ein Leben gleichzeitig so faszinierend, so gefährlich und so widersprüchlich sein? Warburg war Nobelpreisträger, Genie, Eigenbrötler, Jude, lebte in einer homosexuellen Beziehung und überstand ausgerechnet die Nazizeit in einer Art unfassbarem Ausnahmezustand. Da schluckt man schon mal.
Besonders stark ist, wie Apple Wissenschaft nicht trocken auf den Tisch knallt. Krebsforschung, Zellatmung, Ernährung, Ideologie, Macht und Größenwahn werden zu einer Geschichte, die viel mehr ist als nur Labor und Mikroskop. Trotzdem merkt man: Das Buch fordert Aufmerksamkeit. Wer hier schnelle Spannung wie in einem Thriller erwartet, wird zwischendurch vielleicht kurz nach Kaffee Nummer drei greifen müssen.
Für mich ist Der Kaiser von Dahlem ein kluges, unbequemes und erstaunlich lebendiges Sachbuch über einen Mann, den man nicht einfach mögen muss, aber unbedingt verstehen will. Und genau das macht es so stark.