
Besprechung vom 13.01.2026
Sexualkundeunterricht statt Che Guevara
Auch Schüler protestierten 1968: Sie waren pragmatischer als die Studenten und prägten die siebziger Jahre
1968 erschien der legendäre Sammelband "Kinderkreuzzug oder Beginnt die Revolution in den Schulen?". Prominentester Beiträger war der "Vorzeigerevolutionär" (Sandra Funck) Peter Brandt, der als einziger der Autoren damals schon studierte. Während Brandt ganz allgemein für eine revolutionäre Organisation der Jugend plädierte, widmete Ilan Reisin, damals Schulsprecher in Westberlin, wo er später als Rundfunkredakteur arbeitete, seinen Beitrag dem Thema "Über die Eigenständigkeit der Schülerbewegung". Nicht frei von revolutionärem Pathos forderte Reisin, dass die antiautoritäre sich in eine sozialistische Schülerbewegung verwandeln müsse. Die "Schüler-Genossen" müssten sich aus dem unerträglichen Zustand der Abhängigkeit befreien. Das Arbeitsethos der Schule sei abzulehnen. Dabei durfte der Verweis auf die Portalparole "Arbeit macht frei" in Auschwitz nicht fehlen. Der Text endete mit einem Ernst-Bloch-Zitat über den "Stachel der Arbeit".
Die Schülerbewegung jener Zeit war ein quantitativ viel bedeutenderes Phänomen als die Studentenbewegung. Das schon deshalb, weil damals nicht einmal zehn Prozent eines Jahrgangs die allgemeine Hochschulreife erreichten. Andererseits waren, das liegt in der Natur der Sache, die Schüler jünger als die Studenten, wohnten noch bei ihren Eltern, waren nicht volljährig und besuchten eine Institution, die sie engmaschig kontrollierte. All das limitierte ihre Wirkungsmöglichkeiten. So zeigt denn auch die verdienstvolle Untersuchung von Sandra Funck, dass die maßgeblichen Akteure der Schülerbewegung dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) eng verbunden waren, der in der Studentenbewegung eine zentrale Rolle spielte und den Schülern den notwendigen organisatorischen Rückhalt gab. Auch der Sozialwissenschaftler Günter Amendt, Herausgeber des zitierten Sammelbandes, war ein bekannter Aktivist des SDS.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Schülerbewegung oftmals als "kleine Schwester" der Studentenbewegung wahrgenommen wurde. Besonders eng waren die Verbindungen zwischen dem SDS und dem Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler (AUSS). Der SDS war auch die treibende Kraft hinter dem Gründungstreffen des AUSS in Frankfurt am Main. Diese Unterstützung war Vorteil und Nachteil zugleich. Sie half dem AUSS dabei, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, war aber hinderlich bei seinen Bemühungen, sich vom SDS zu emanzipieren.
Und doch gelang es der Schülerbewegung in diesem "Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit und Abgrenzung" (Sandra Funck), ein eigenes Profil zu gewinnen. Das gelang weniger durch organisatorische Abgrenzung als durch das Setzen eigener Akzente.
Die Schülerbewegung war pragmatischer. Sie engagierte sich weniger für revolutionäre Bewegungen in weit entfernten Weltgegenden, sondern für konkrete Anliegen wie die Neugestaltung schulischer Partizipationsstrukturen, für Sexualkundeunterricht, für politische Parteien beziehungsweise den Parteien nahestehende Schülerorganisationen wie die Schülerunion, den Liberalen Schülerbund oder den Politischen Arbeitskreis Schulen und schloss dabei Bündnisse, die weit über das politische Spektrum des SDS hinausreichten. Hier formierten sich bereits die Kräfte, die dann in den Siebzigerjahren die zweite Phase der Studentenbewegung einleiteten. Nun ging es nicht mehr um Che Guevara und "Schafft zwei, drei, viele Vietnams!", sondern um die Demokratisierung der Universitäten, studentische Mitbestimmung und das Hochschulrahmengesetz.
Sandra Funck macht darauf aufmerksam, dass die Schülerbewegung auch bei der noch wenig erforschten Protestbewegung gegen die 1964 gegründete NPD eine wichtige Rolle spielte. Wie die Studenten haben aber auch die Schüler wenig zur Aufarbeitung der jüngsten deutschen Vergangenheit beigetragen. Dafür war diese Zeit noch zu nah, waren ihre Protagonisten noch allzu präsent. In Bayern, wo der Rezensent seine Schulzeit verbracht hat, endete der Geschichtsunterricht damals im Jahr 1914. An den Universitäten sah es nicht viel besser aus. Für das, was danach kam, war das auf Anregung der Alliierten im Mai 1949 gegründete Institut für Zeitgeschichte zuständig.
Die Studentenbewegung der Achtundsechzigerjahre hat im Wesentlichen nichts zur kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit beigetragen, auch wenn man es gelegentlich anders lesen kann. Ihr Verdienst liegt woanders. Durch ihren antiautoritären Ansatz trug sie zur Entstehung einer neuen Diskussionskultur bei, die nicht nur die überkommenen Institutionen, sondern auch die Leistungen der vorangegangenen Generation kritisch hinterfragte. Zugleich transportierte die Studentenbewegung allerdings eine enorme, sich fortschrittlich gerierende Geschichtsfeindlichkeit, die die Historikerzunft und ihren Verband in die tiefste Krise der Nachkriegszeit stürzte. Erinnert sei an die "Hessischen Rahmenrichtlinien" von 1972, die später vor dem Hessischen Staatsgerichtshofs scheiterten, der vor allem die Integration des Fachs Geschichte in die Gesellschaftslehre für verfassungswidrig erklärte.
Tatsächlich sind aus dem Kreis der Aktivisten der Schülerbewegung jener Jahre neben Reformpädagogen auch wichtige Historiker hervorgegangen, so z. B. Axel Schildt, Michael Wildt und Peter Brandt, während der Chronist jener Jahre Wolfgang Kraushaar sich für die Politikwissenschaft entschieden hat. Anders als dieser haben sich die Historiker aber nie als Sprecher oder Zeitzeugen jener Jahre bekannt, wie Sandra Funck bemerkt.
Der jüngere Historiker Norbert Frei hat zum 40. Jahrestag sein Buch "1968. Jugendrevolte und globaler Protest" vorgelegt. Wie Sandra Funck verwendet er die Jahreszahl "'68" in Anführungszeichen. Dieses Jahr war weit mehr als ein kalendarisches Ereignis, "ein Assoziationsraum gesellschaftlicher Zuschreibungen und auktorialer Selbstdeutungen, eine beispiellos florierende Begegnungsstätte, in der die Aussagen der Akteure und die Entgegnungen ihrer Kritiker aufeinandertreffen". Lange Zeit wurde das deutsche 1968 vielfältig interpretiert, aber nur wenig erforscht. Sandra Funck hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, hier Abhilfe zu schaffen. ERNST PIPER
Sandra Funck: "Klassenkämpfe". Jugend, Schule und Politik um "1968".
Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 507 S.
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