Sehr eindringlich!
In "hunchback" von Saou Ichikawa steht Shaka Izawa im Mittelpunkt, die mit einer angeborenen Muskelerkrankung in einer Pflegeeinrichtung nahe Tokio lebt. Der Titel, der sich mit "Bucklige" übersetzen lässt, verweist dabei unmittelbar auf ihren Körper und die starke Krümmung ihrer Wirbelsäule, die ihren Alltag bestimmt und ihr fast jede körperliche Selbstständigkeit nimmt. Sie ist auf einen elektrischen Rollstuhl, ein Beatmungsgerät und die Hilfe anderer angewiesen. Die Einrichtung, in der sie lebt, wurde von ihren Eltern gegründet und sichert ihr Leben dauerhaft ab. Doch diese Sicherheit bedeutet zugleich Abhängigkeit.Während ihr Alltag von Routinen und fremder Fürsorge geprägt ist, eröffnet sich ihr im Internet ein Raum, der allein ihr gehört. Dort studiert und schreibt sie: Neben wissenschaftlichen Texten veröffentlicht sie pornografische Kurzgeschichten und provokante Beiträge in sozialen Medien. Ihre Worte sind direkt, oft bewusst irritierend. Sie richten sich gegen eine Gesellschaft, die Menschen wie sie übersieht oder auf ein stilles, asexuelles Dasein reduziert. Besonders radikal ist ihr Wunsch, Erfahrungen zu machen, die ihr scheinbar nicht zugedacht sind - etwa schwanger zu werden, nicht aus einem romantischen Wunsch heraus, sondern um selbst über ihren Körper entscheiden zu können. So entsteht das Porträt einer Figur, die auf ihre eigene Perspektive besteht und im Denken und Schreiben einen Gegenraum zu einem Körper findet, der ihr ständig Grenzen setzt.Diese Stimme war es, die mich beim Lesen zunächst auf Distanz gehalten hat. Ich habe "hunchback" zweimal gelesen. Beim ersten Mal sehr schnell und mit einer gewissen Unsicherheit zurückbleibend. Vieles hat mich irritiert, manches blieb mir unzugänglich. Erst beim zweiten Lesen, langsamer und aufmerksamer, haben sich mir viele Zwischentöne des Textes erschlossen. Und gerade dort liegt für mich die Stärke des Romans. Er erklärt nichts, er beschönigt und entschuldigt nichts. Er bleibt konsequent bei Shakas Perspektive, auch dort, wo ihre Gedanken moralisch herausfordern oder schwer auszuhalten sind.Ichikawa schreibt mit einer Direktheit, die nichts abfedert. Körper werden nicht symbolisch überhöht, sondern in ihrer Verletzlichkeit, ihrer Abhängigkeit und ihrem Begehren gezeigt, so wie sie sind. Shakas Sexualität wirkt auf den ersten Blick provokant. Für mich ist sie jedoch vor allem eine Behauptung von Existenz. Ein Körper, dem gesellschaftlich Begehren abgesprochen wird, formuliert hier selbst. Sprachlich arbeitet der Text mit großer Genauigkeit. Viele Sätze wirken zunächst beiläufig und entfalten ihre Wirkung erst später. Beim Lesen habe ich mir auffallend viele Stellen unterstrichen, weil sie mich nicht mehr losgelassen haben. Kein Satz scheint zufällig gesetzt.Saou Ichikawa, die selbst mit einer angeborenen Myopathie lebt, schreibt ohne Distanz und spürbar aus eigener Erfahrung heraus. Ihre Perspektive verzichtet auf jede Beschönigung und bleibt nah an der körperlichen Realität, von der sie erzählt. Dass sie für "hunchback" als erste körperlich behinderte Autorin mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichnet wurde, unterstreicht die literarische wie gesellschaftliche Bedeutung dieses Textes.Mit etwas mehr als neunzig Seiten ist "hunchback" ein schmaler, aber enorm dichter Roman. Beim ersten Lesen hat er mich verunsichert. Ich wusste lange nicht, wie ich ihn einordnen soll. Der Text will nicht trösten oder gefallen. Er ist unbequem, stellenweise verstörend und von einer spürbaren Wut getragen. Er erschließt sich nicht sofort. Erst im genauen, langsamen Lesen zeigt sich, wie präzise er gearbeitet ist. Wie bewusst jede Provokation gesetzt ist. Wie konsequent er Fragen nach Macht, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Normierung stellt. Es geht um Körper. Um Moral. Um die stillen Hierarchien, die bestimmen, wessen Leben als selbstverständlich gilt und wessen nicht.Für mich war "hunchback" keine angenehme, aber eine sehr eindringliche Lektüre. Ein Roman, der herausfordert und nachhallt. Und einer, der den Blick auf einen Ableismus lenkt, der tiefer in unseren Denkweisen verankert ist, als wir oft wahrhaben wollen.