
Mit der Gründung seines Blogs "The Sartorialist" im Jahr 2005 veränderte Scott Schuman die Modefotografie nachhaltig. Die Idee war einfach: Durch das Fotografieren von Menschen an öffentlichen Plätzen sollte ein Dialog zwischen Mode und Alltag entstehen. In der Tradition von Bill Cunningham und August Sander rückte Schuman den "echten Menschen" in den Fokus - abseits des Laufstegs und außerhalb des Studios. So wurde das Beobachten von Menschen zu einer Kunstform und Streetstyle zu High Fashion, lange bevor es Instagram gab. In der Stadt Mailand fand Schuman eine Muse, die für diese Aufgabe perfekt gekleidet war.
Milano dokumentiert fast zwanzig Jahre seiner Beschäftigung mit den unverwechselbaren Mailändern und ihrer geschäftigen, eleganten Stadt, zunächst als Besucher, dann als Einwohner. Mit einem Vorwort des verstorbenen Giorgio Armani und einem ausführlichen Interview, das Schumans einzigartige Herangehensweise beleuchtet, Mode im Alltag zu fotografieren, eröffnet das Buch einen faszinierenden Blick auf seine kreative Vision. Die Fotos wirken so sorgfältig komponiert, dass man kaum vermuten würde, dass sie unterwegs, auf der Straße aufgenommen wurden. Es scheint, als würde Schuman Mailand anhalten, und zwar nicht nur die Shopper, Skater und Raucher, die Zeit haben, sondern auch diejenigen, die keine Zeit haben: Miuccia Prada, Emiliano Salci, Luciano Barbera, die Sozzani-Schwestern - alle sind hier in denselben Straßen und Cafés zu sehen. Das Ergebnis ist eine Straßenansicht der Mailänder Modegeschichte, aufgenommen von einem Amerikaner mit offenem Blick für die Eleganz, die von den daran gewöhnten Einheimischen nicht mehr beachtet und in inszenierten Modeshootings nicht eingefangen wird - die Schönheit authentischer, unvorhersehbarer Stile, die nur von denen getragen werden, die keinem Konformitätsdruck unterliegen. Während Milano auf Fahrrädern, Vespas und Straßenbahnen vorbeirauscht, posieren Jung und Alt inmitten einer Pracht aus Marmor, Fresken, Skulpturen, Türmen, Säulen, verzierten Palazzi und brutalistischen Fassaden, lokalen Märkten, Blumenläden, vertikalen Gärten, kultigen Treffpunkten wie Bar Basso und Marchesi 1824, mit Espressos, Handtaschen, High Heels und Anzügen in allen erdenklichen Farben. Von den Kanälen des Naviglio Grande über das Kopfsteinpflaster der Via Brera bis hin zur Glasdecke der "Galleria Vittorio Emanuele II" und dem Milano Centrale spiegeln die unterschiedlichen Architekturstile der Stadt die Vielfalt ihrer Einwohner wider.
"Mailand eignet sich nicht für oberflächliche, flüchtige Bekanntschaften", bemerkt Armani in seinem Vorwort. Dieser Auffassung entsprechend bietet dieser Band die einzigartige Gelegenheit, sich so intensiv wie Schuman auf den Rhythmus, die Energie und die Seele der Stadt einzustimmen, um zu entdecken, was sie so einzigartig macht. Teils Reisebericht, teils Stilbibel - Liebhaber von Mode, Fotografie und la dolce vita finden hier den authentischen Streetstyle der Modehauptstadt der Welt, den man auf Instagram nicht findet, fotografiert vom Pionier, der ihn cool und bedeutungsvoll gemacht hat. In Schumans Worten sind dies nicht nur Kleidungsstücke, sondern Kleidungsstücke, die Ihnen sagen, "wer die Menschen sind".
Besprechung vom 07.03.2026
Stil mit Mut
Scott Schuman hat die Street-Style-Fotografie ins Internet-Zeitalter geholt. Nun bringt er einen Bildband über Mailand heraus - die Stadt, die sich kleidet wie keine sonst.
Von Alfons Kaiser
In einer längst vergangenen Zeit, als das Internet und das Handy gerade erst erfunden waren, fotografierte vor den Modenschauen in Paris und Mailand nur Bill Cunningham die Gäste. Für seine "New York Times"-Fotokolumne "On the Street" hatte er sich gutem Stil verschrieben. Es war wohl kein Zufall, dass dann wieder ein Amerikaner die Gäste musterte und ins beste Licht setzte: Auch Scott Schuman suchte in der Alten Welt die stilistische Tiefe, die in New York oft nur Oberfläche bleibt.
Gefunden hat er sie vor allem in Mailand. Ja, auch für den Fotografen, der 1968 in Indiana geboren wurde, zuerst Herrenmode vertrieb und dann zu seiner Berufung fand, ist Paris die wichtigere Modestadt, mit noch mehr großen Marken und noch mehr stilvollen Menschen. Aber Mailand ist für Schuman schon wegen der hohen Dichte an Mode und Design das "Hollywood of style", wie er es in seinem Band "Milano (of course)" nennt. Die Fotos belegen es: Man entdeckt viele Legenden wie die überkandidelte Redakteurin Anna Piaggi und den Erfinder der Mailänder Modewoche, Beppe Modenese, der meist einen dunkelblauen Anzug trug, aber mit so viel Grandezza, dass man sich nicht satt sehen konnte an dem alten Herrn.
Vor zwei Jahrzehnten begann Schuman mit seinem Fotoblog "The Sartorialist". Als Instagram 2010 gegründet wurde, war er sofort auf der wichtigsten Informationsplattform der Szene. Nirgends war es schöner, zu sehen und gesehen zu werden. Und in Mailand kommt eben alles zusammen: der Sinn für südliche Sprezzatura, also die Begabung, vom Zigarettenanzünden bis zum Fahrradfahren alles mühelos wirken zu lassen; die Strenge der lombardischen Geschäftsstadt, in der Traditionsbestände vom kleinen Karo bis zum Einstecktuch immer wieder aktualisiert werden; und das Gespür für avantgardistische Provokationen, vor allem in Person von Miuccia Prada.
Schuman hat mit untrüglichem Blick fürs passende Licht aus manchem Stil eine Ikone gemacht. Hätte sich Anna Dello Russo ohne ihn je ihren Ruf als Street-Style-Star erarbeitet? Wäre Giovanna Battaglia jemals zur Chefdesignerin von Swarovski aufgestiegen, wenn er sie nicht hundertfach fotografiert hätte? Tausende Fotografinnen und Fotografen folgen ihm nach. Der Weg zur Prada- oder Gucci-Schau ist für gut gekleidete Menschen inzwischen ein Spießrutenlauf. Aber fotografiert wird meist Dutzendware. Nur er liefert nach Maß. ALFONS KAISER
Scott Schuman: "The Sartorialist Milano". Taschen. 248 S., geb.
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