Ein kluger, hochspannender Roman über Anderssein, Ausgrenzung und die Gewalt der Normalität.
Merricat lebt mit ihrer Schwester Constance und dem gebrechlichen Onkel Julian im abgelegenen Haus der Familie Blackwood, am Rand eines Dorfes, das sie nie wirklich aufgenommen hat. Die übrigen Familienmitglieder sind tot, vergiftet. Constance wurde freigesprochen, doch das Urteil hat nichts geheilt: Das Dorf bleibt feindselig und lauernd.Faszinierend ist die Ordnung, in der diese drei Menschen leben. Keine heile Welt, aber eine funktionierende. Constance sorgt für den Alltag, Julian klammert sich an seine Erinnerungen, Merricat bewegt sich fast ausschließlich im Umkreis des Hauses. Für sie ist das kein Mangel, sondern ein Zuhause.Die Geschichte folgt Merricats innerer Logik: kindlich, magisch, manchmal naiv und zugleich sehr sensibel. Nicht, weil die Welt magisch wäre, sondern weil Merricat sich mit magischem Denken schützt. Ihre Rituale sind kein Spiel, sondern eine Strategie, um Kontrolle in einer feindlichen Umgebung zu bewahren.Ich habe diesen Roman nicht als klassischen Thriller oder Horror gelesen, sondern als psychologisches und gesellschaftskritisches Buch. Er zeigt, wie Menschen, die nicht ins Bild passen, langsam an den Rand gedrängt werden, wie Rückzug zur einzigen Möglichkeit wird und wie sehr Gemeinschaften jemanden brauchen, auf den sie ihren Groll richten können.Mit dem Auftauchen von Cousin Charles gerät diese fragile Ordnung ins Wanken. Er bringt keine Hilfe, sondern ein anderes Ordnungssystem, das sich auf Normalität, Besitz und Autorität beruft. Ohne zu fragen, nimmt er Raum ein und erklärt, wie ein Leben zu funktionieren habe.Wir haben schon immer im Schloss gelebt ist ein sehr kluges und ausgesprochen spannendes Buch. Die Spannung entsteht nicht durch äußere Dramatik, sondern aus psychologischer Enge und schleichenden Machtverschiebungen. Zurück bleibt die unbequeme Frage, wer entscheidet, welche Lebensform gültig ist - und was geschieht, wenn Menschen genau deshalb in die Enge getrieben werden