
Das Glück eines Menschen hängt daran, in der Nähe von anderen zu sein.
Wir leben in Zeiten der Entfernung. Die politischen Lager, die großen Machtblöcke der Welt, die Stadt vom Land - alles entfernt sich voneinander. Umso wichtiger wird der Blick aus der Nähe. Wo ist im Zeichen medial befeuerter Selbstgerechtigkeit noch Gemeinschaft möglich? In seinem ersten Sachbuch findet Simon Strauß eine überraschende Antwort: in der Kleinstadt. Hier begegnen sich die Menschen als Gegenüber, hier müssen Konflikte ausgetragen und Kompromisse gefunden werden. Hier lernt man die Demokratie noch einmal neu kennen.
Was macht ein gutes Zusammenleben aus? Am Beispiel der Kleinstadt Prenzlau erkundet Simon Strauß, wie Gemeinschaft gelingen kann, wann sie scheitert und welche politische Bedeutung es hat, in der Nähe zu sein. Welche Kraft hat der gemeinsame Glaube an einen physischen Ort? Gibt es noch so etwas wie einen geteilten Himmel oder greift inzwischen jeder nur noch nach den eigenen Sternen? Ein Buch, das das Wissen des Autors um die ersten städtischen Bürgerschaften in der Antike mit seiner Neugier für die Probleme unserer Gegenwart verbindet. Seine Beobachtungsgabe mit seiner Begeisterungskraft. Die Bedeutung von Nähe wird hier zuerst emphatisch gedacht - und dann real betrachtet.
»Simon Strauß macht hier Ernst mit der Erkenntnis, dass Gesellschaft immer vor Ort passiert. Das gilt erst Recht für Ostdeutschland. Wer wissen will, wie hier die Menschen ihre Gesellschaft machen, muss dieses Buch lesen. « Heinz Bude
»Die Wahrheit ist immer konkret, aber nie einfach. Simon Strauß gelingt mit seinem sehr persönlichen Buch eine exemplarische Erzählung über ostdeutsche und gesamtdeutsche Lebensverhältnisse seit 1945. « Dirk Oschmann
Besprechung vom 19.11.2025
[kein Titel]
Simon Strauss, Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung, hat ein Buch über Nähe und Distanz als politische Kategorien der Gegenwart geschrieben. Ausgehend von einer dichten Beschreibung der ostdeutschen Kleinstadt Prenzlau fragt das erzählende Sachbuch danach, wie in einer politisch so umstrittenen Zeit wie unserer noch Gemeinschaft möglich ist und welche bewusstseinsprägende Kraft dabei der gemeinsame Glaube an einen physischen Ort und seine Geschichte haben kann. Die Sehnsucht nach sichtbaren Zusammenhängen und das oststolze Könnens-Bewusstsein vor Ort münden in die Überzeugung, dass der Westen vor dem Osten nicht nur Angst haben muss oder ihm anerkennend über den Kopf streichen sollte, sondern auch etwas von ihm lernen kann. (Simon Strauß: "In der Nähe." Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht. Tropen Verlag, Stuttgart 2025, 240 S., geb., 24,- Euro.) F.A.Z.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.