
«Österreichs lustigste Autorin war auf dem Opernball und hat ein wildes Stück darüber geschrieben. Das ist einfach nur zum Lachen.» Süddeutsche Zeitung
Stefanie Sargnagel war auf dem Wiener Opernball, und jetzt hat sie so einiges zu erzählen: von den Reichen und Schönen, von den reichen Nicht-so-Schönen, von Abendkleid und Walzertraum. Natürlich ist alles ganz schrecklich, aber auch schrecklich interessant! Und der Blick dieser Autorin ist böse, jedoch nicht gnadenlos, dafür interessiert sie sich zu sehr für die ihr fremden Welten. Und so begibt sie sich geschminkt, geschnürt, zurechtgemacht aufs härteste Parkett der Welt, amüsiert uns aufs Köstlichste und wirft ein Schlaglicht auf die unheimliche Schnittmenge von Kultur, Kapital und Macht.
Eine höchst unterhaltsame Höllenfahrt in die Herzkammer der österreichischen Kultur
Besprechung vom 25.01.2026
Das große Walzern
Die österreichische Schriftstellerin Stefanie Sargnagel war 2024 auf dem Wiener Opernball - und hat ein böses und sehr lustiges Buch darüber geschrieben, wie eine Gesellschaft sich fast zu Tode tanzt.
Von Helene Röhnsch
Der Wiener Opernball ist das Beste, was einer Satirikerin passieren kann. Wo sonst ist die Skandaldichte so hoch? Man muss nur an Schauspielerin Grace Jones denken, die sich 1996 in einer Loge mit einem jungen Mann vergnügt haben soll, oder an den Kabarettisten Hubsi Kramar, der im Jahr 2000 für einen Rieseneklat sorgte, als er einem weißen Rolls-Royce im Hitler-Kostüm entstieg, um die damalige FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer zum Tanz aufzufordern. Dazu kam es natürlich nicht; er wurde festgenommen, als er mit Heil-Rufen ins Opernfoyer stürmte.
Und natürlich sind da all die Skandälchen um Baumeister Richard "Mörtel" Lugner, der Society-Löwe, der gegen hohe Gagen jedes Jahr eine neue Dame von Weltruhm aufs Parkett gebracht hat. Sophia Loren und Pamela Anderson durften mit in seine Ehrenloge; Kim Kardashian hielt es nur zwei Stunden aus, ehe sie noch vor Mitternacht entnervt den Ball verließ - eine Mischung aus rassistischen Beleidigungen und schlechten Unterhaltungen soll der Grund für ihren Unmut gewesen sein. Immerhin konnte Kardashian rund 250.000 Euro für ihren kurzen Auftritt beim Opernball vom Baumeister Lugner kassieren.
Im Februar 2024 besuchte Stefanie Sargnagel den Wiener Opernball, das glamouröseste Ereignis der Saison - im langen Abendkleid, natürlich, anders hätte man sie ja gar nicht reingelassen, denn die Kleidervorschriften sind streng. Allein die bloße Tatsache ist schon lustig. Was passiert, wenn sich Österreichs anarchische Starsatirikerin ins Gedränge der Reichen und Mächtigen wirft? In "geheimer Mission" begab sie sich in die Wiener Staatsoper, heißt es, im Auftrag des Rabenhof Theaters, um für ihre Theaterproduktion "Opernball - Walzer, Wein und Wohlstandsbauch" zu recherchieren.
Früher war die 1986 geborene Wienerin, Tochter einer Krankenschwester und eines Elektrikers, vor allem der Form der Zweizeiler verpflichtet - gemäß ihrem Ideal des lakonischen Schneids. "Ich finde, alle Romanautoren sollten Zweizeiler anstreben, nicht umgekehrt", schrieb sie. Aus ihren Posts und Tweets, in denen sie ihren Alltag als prekäre Künstlerin und Callcenter-Mitarbeiterin festhielt, ihren Sauf-Exzessen und U-Bahn-Begegnungen ist 2017 ihr erster Bestseller entstanden, "Statusmeldungen". Darauf folgte ihr autobiographischer Jugend-Punk-Roman "Dicht", dann drei Jahre später ihr grandios-schriller Reisebericht aus der amerikanischen Provinz "Iowa". Und nun ein Erlebnisbericht: "Opernball. Zu Besuch bei der Hautevolee".
Die Vorstufe des achtzigseitigen Texts wurde im Februar 2025 im Wiener Rabenhof-Theater in der Regie von Christina Tscharyiski aufgeführt. Es war nicht das erste Mal, dass sich Sargnagel in ihren Theaterarbeiten mit den großen Gesellschaftsspektakeln beschäftigt. 2019 verbrachte sie zwei Wochen schunkelnd auf dem Münchner Oktoberfest, um für ihre für die Produktion "Am Wiesnrand" (auch schon in Zusammenarbeit mit Tscharyiski) am Münchner Volkstheater zu recherchieren. Dass die Wiesn und der Wiener Opernball in ihrem Kern doch artverwandt sind, zeigt Sargnagel nun aufs Lustigste.
Die gesamte Handlung von "Opernball" spielt sich innerhalb einer Nacht ab. Sargnagels Alter Ego Steffi begibt sich also aufs "härteste Parkett der Welt" - in Begleitung der Kellnerin eines Wiener Untergrundlokals, die zum Symbol der Arbeiterklasse stilisiert wird. Auch mit dabei ist der Museumswärter, ein kauziger Johann-Strauss-Kenner. Die etwas nebulös wirkende Figur ist offenbar eine Anspielung darauf, dass die Theaterproduktion vom Jubiläumsjahr "Johann Strauss Wien 2025" koproduziert wurde. Hin und wieder bläst der Wärter schlaumeierische Sätze über die Menge. "Je größer die Machtunterschiede in einer Gesellschaft, desto wichtiger ist die Höflichkeit, um geschickt darüber hinwegzutäuschen", philosophiert er noch in der wartenden Menge unweit des roten Teppichs. Nur an der Praxis hapert es, als er sich mit einem Rucksack voller Recherchematerialien überm Frack Zutritt zum Ball verschaffen will. "Rucksackflegel!", "Klimakleber!", "Islamist!", schimpfen da die pelzbedeckten Damen. Es braucht nicht viel, und schon ist er da, der Skandal.
Wieder beweist Sargnagel, was für eine Meisterin der gesellschaftlichen Zergliederung sie ist. In radikal subjektivem Ton legt sie die Scheinheiligkeiten der Wiener High Society offen. Bussi. Bussi. Da sind Ladys, die mit geschlossenen Mündern lachen und sich für die Rettung der Tiere einsetzen - doch nur den schönen, anmutigen Tieren soll geholfen werden, den Rennpferden natürlich. Mit den weniger beliebten stopft sich die feine Gesellschaft selbst aus: sibirische Zobel, Chinchillas aus Peru, Feuerwiesel aus der Tundra oder Hermelin.
Schnell wird klar, dass sich Steffi nicht in einem romantischen Walzertraum befindet; die Beschreibungen kippen in Sargnagelscher Manier ständig ins Derb-Groteske. "Die Frisuren, die an die Ohren anschließen, erinnern an die Auslagen von Mehlspeisenvitrinen im Wiener Kaffeehaus", beobachtet sie. Ohnehin tauchen im Text reichlich Essens- und Tiermetaphern auf. Die Herren im Frack erscheinen ihr wie "mutiertes Geflügel: vorne ein Pinguin, hinten eine Schwalbe, oben die Fliege, unten der Spatz. Und rundherum der Strauß".
Zwar inszeniert sich Sargnagels Ich-Erzählerin als Underdog und distanzierte Beobachterin des Geschehens, doch ganz so außen vor ist sie nun auch wieder nicht. Die Schriftstellerin wird gleich am Eingang von einem österreichischen Klatschreporter erkannt; niemand findet es abwegig, dass sie da ist, denn Steffi ist ja wer. Sie versteckt sich hinter einem zaghaften "Jein", als sie von einer Dame gefragt wird, ob sie ihr ein Kompliment für ihr Collier machen darf. Eigentlich sind auch die 30 Euro für ein Paar Würstel doch gar nicht so viel Geld, wenn man es genau bedenkt, man bekommt ja auch etwas auf dem Wiener Opernball - nicht zuletzt Gagen für das eigene Buch. Und irgendwann sind auch die 20.000 Euro für die Loge gar nicht mehr so teuer. Steffi ist mittendrin im sozialen Aufstieg vom "Vorstadtbeisel" zur Hautevolee. Die ironische Selbstausleuchtung macht auch den Witz von Sargnagels Texten aus; genau wie alle anderen kann sie sich selbst schön böse aufs Korn nehmen.
Dem Museumswärter hingegen ist sein Geld zu schade. Von Hunger getrieben, entdeckt er in der Nähe einer Loge ein einsames Schinkenbrötchen. Offenbar vegetierte es schon einige Stunden vor sich hin, denn das Schlagobers-Kren Häubchen war schon in sich zusammengefallen. Doch kaum zum Mund geführt, nimmt das Unheil seinen Lauf, der Wärter wird zum Hochkriminellen erklärt, ein nichtsnutziger Dieb, der die Logengäste bestiehlt. In der Logik des Wiener Opernballs scheint das Brötchen denselben Wert wie die Juwelen in den Dekolletés zu haben. "Nirgends ist man mehr sicher", weint da ausgerechnet die österreichische High-Society-Lady Ekaterina Mucha, Herausgeberin des Magazins "Elite". Doch Konsequenzen ergeben sich auch aus diesem Eklat nicht. Ohnehin erinnert die Handlung an ein großes Wimmelbild. Konflikte bahnen sich an, lösen sich jedoch schnell wieder auf. Dramatisches passiert lange nicht - Steffi und ihre Begleitung lassen sich einfach von einer Faszination zur nächsten treiben.
In der Schar der Reichen und Schönen, der Verrückten und Verruchten kommt Sargnagel zu neuen Erkenntnissen: Während ihr Blick schweift, fragt sie sich, ob nicht eher die Männer die Orden der Frauen seien und nicht umgekehrt. Eine Verlängerung des eigenen Selbst. Der gestriegelte Mann wird zum Projekt der Frauen erklärt, er muss "ein Kindsmensch bleiben, ein großer Säugling, muss abhängig bleiben, gepflegt, gebürstet und ausgewischt werden und sich dabei für den Mittelpunkt der Welt halten".
Auch das Hauptmerkmal für die Klassenunterschiede kann sie im Gedränge nun identifizieren, sie schreit es heraus: "Es sind die Hälse!" Je länger der Hals, desto weiter sitzt der Kopf vom Leib entfernt und umso freier kann er sich in der Gesellschaft bewegen, ein "Zuchterfolg der höheren Gesellschaft", konstatiert sie. Der kurze, proletarische Hals hingegen bringt alles kompakter zusammen, was "praktisch ist für die Verrichtung der Arbeit".
In einer der samtbedeckten Logen lernt Steffi einen jungen Revoluzzer kennen, einen reichen Erben, der vieles klarer sieht seit seinem letzten LSD-Trip an der Côte d'Azur - einen, der sich endlich allem entsagen, der die Konventionen sprengen will (von innen heraus, klar, den ganz radikalen Ausstieg aus dem System Opernball traut er sich doch nicht zu). Er schmeißt die 900-Euro-Schampus-Flasche auf den Gehweg, um Steffi zu beeindrucken, sein radikalster Akt des Abends. Da reckt er die Faust in die Luft und schreit "Nein, Mutter, nein! Heute lasse ich mich nicht in jeder Loge vorführen!"
Das alles könnte sich schnell in losen Pointen verlieren, was zum Glück nicht passiert; der Erzählfluss in "Opernball" verdichtet sich. Und je länger der Abend andauert, je heftiger die Tanzbeine aufs Parkett poltern, desto bizarrer wird das Spektakel. Endlich schreitet auch der neunzigjährige "Mörtel" Lugner durch die Menge - an seiner Seite die Schauspielerin Priscilla Presley, die er liebevoll Chinchilla, Brunzilla, Gozilla nennt. Sargnagel macht den im Sommer 2024 verstorbenen Bauherrn zum Heiligen; sein Glanz stellt Adelige, Spitzenpolitiker und Weltstars in den Schatten, alle sind sie "machtlos gegenüber diesem Spektakel, wehrlos gegen sein Charisma, dem sich die Kameras mit größerer Begeisterung widmen als den schönsten Arien der berühmtesten Opernstars". Mit der Figur Lugners beginnt sogleich auch der Verfall der Sitten. Die herrschaftliche Ordnung löst sich auf.
In der walzernden Menge geht es immer enthemmter zu. Selbst der anfangs noch verstockende Museumswärter hat seine Tanzdame gefunden, eine mongolische Touristin, der er bis zum letzten Takt sein endloses Wissen über den Walzerkönig Johann Strauss ins Ohr säuseln kann. Und auch Steffi kann bald nicht mehr an sich halten. Sie fordert den damaligen österreichischen Außenminister Alexander Schallenberg zum Tanz auf, wirbelt ihn übers Parkett, bis sich dieser übergibt, ausgerechnet auf das Gewand von Waffenwitwe Kathrin Glock. Bald spritzt nicht nur Blut ins Gedränge, sondern auch Urin, alles driftet ins Ekel-Komische. Man muss sich das vorstellen wie Marco Ferreris "Das große Fressen", nur eben als Quadrille. Stefanie Sargnagels Buch zeigt, wie heiter Gesellschaftskritik sein kann. Zum Glück verzichtet sie mit ihrer Persiflage auf ein einfaches "Eat the Rich" - dafür ist sie wohl mittlerweile ein zu gern gesehener Gast in der Ehrenloge.
Stefanie Sargnagel: "Opernball - Zu Besuch bei der Hautevolee", Rowohlt Verlag, 80 Seiten
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