Warum essen wir, wenn wir eigentlich etwas ganz anderes brauchen?
Diese Frage steht im Zentrum von Der Butterberg, dem eindringlichen und zugleich überraschend komischen Roman von Sven Weiss.
Protagonist Jan Rose ist Anfang dreißig und wiegt 147 Kilo. Gleich zu Beginn begegnet er sich selbst mit brutaler Offenheit vor dem Spiegel: "Du Scheißbauch, du Kackwanst! Ich mach dich fertig!" Seine Hoffnung ruht auf einem sechswöchigen Aufenthalt in einer Klinik für stark Übergewichtige ein vom Arzt empfohlener Versuch, sein Leben in den Griff zu bekommen.
Was folgt, ist keine Betroffenheitsprosa, sondern ein ebenso kluger wie berührender Blick auf einen Menschen, der gelernt hat, sich hinter seinem Körper zu verstecken. Mit feinem Gespür für Absurditäten und einem oft grotesken Humor erzählt Weiss von Gruppentherapien, Essensregeln und Sportprogrammen vor allem aber von den Geschichten, Ängsten und Schutzmechanismen der Patienten. Jan bleibt dabei lange der stille Beobachter, jemand, der die Schwächen der anderen erkennt, sich jedoch beharrlich weigert, seine eigenen anzusehen.
Nach und nach wird deutlich, warum Essen für ihn mehr ist als Nahrung: Es ist Trost, Sicherheit, Verlässlichkeit die einzige Konstante in einem Leben voller Enttäuschungen. Einer der stärksten Sätze des Romans bringt das auf den Punkt:
"Freunde kommen und gehen ... Aber Essen ist immer genau das, was es ist."
Paradoxerweise wird ausgerechnet die Klinik, von den Patienten spöttisch Der Butterberg genannt, zu einem Ort der Zugehörigkeit. Hier ist Jan nicht allein, hier wird er gesehen. Besonders eindrucksvoll sind die Gespräche mit Dr. Holthausen, der Jans Tarnung aus Schweigen und Rückzug beharrlich durchbricht. Als er Jan auffordert, sich mit seiner Musik öffentlich zu zeigen, eskaliert alles und der Roman erreicht einen emotionalen Höhepunkt, der lange nachwirkt.
Der Butterberg ist ein Buch über Scham und Selbstverachtung, über Nähe, Angst und den Mut, sichtbar zu werden. Es ist traurig, witzig, unbequem und zutiefst menschlich. Wer dieses Buch liest, wird lachen, schlucken und sich selbst an mehr als einer Stelle wiedererkennen.
Ein Roman, der unter die Haut geht und den man so schnell nicht vergisst. Absolute Leseempfehlung.