
Besprechung vom 25.09.2025
Beim Öffnen der Massengräber
Taina Tervonen hat über Jahre Kriegsfolgen in Bosnien recherchiert: "Die Reparatur der Lebenden"
Am 11. Juni dieses Jahres jährte sich zum dreißigsten Mal das Massaker von Srebrenica, bei dem bosnische Serben über 8000 Bosniaken ermordeten. Ein Jubiläum in einem tief gespaltenen Land, das in seiner heutigen Form ohne den Krieg gar nicht bestünde: Bosnien-Hercegovina ist nicht nur instabil, zerrissen entlang ethnischer Linien und ihren hermetisch abgedichteten Erinnerungsgebäuden; es entwickelt sich sogar zurück. War der ehedem als moderat geltende Serbenführer Milorad Dodik 2008 noch auf Linie mit dem Haager Kriegsverbrechertribunal und sprach öffentlich von einem Völkermord, so ist diese Reue (oder ihre Zurschaustellung) verflogen. Sowohl er als auch der große Bruder in Belgrad sprechen nur noch von einem "Verbrechen" und drohen allenthalben mit der Abspaltung der serbischen Entität vom Gesamtstaat.
Bei all diesen Deutungskämpfen um den dreißigsten Jahrestag des Genozids - und nicht nur um diesen - ging unter, dass in diesem Rahmen die Überreste von sieben Opfern beigesetzt wurden, die bisher noch nicht identifiziert worden waren. Über 100.000 Zivilistenleben forderte der Bürgerkrieg, regelmäßig findet man noch Massengräber, Leichen werden exhumiert und im ganzen Land noch immer rund 7500 Menschen vermisst.
Das ist das nackte Unstrittige jenseits jeder Sinngebung, wenn man davon überhaupt sprechen kann: Wo gehobelt wird, fallen Späne, erklärte Hannah Arendt oft die Logik des Terrors. Die französisch-finnische Journalistin und Dokumentarfilmerin Taina Tervonen widmet sich in ihrer jetzt ins Deutsche übersetzten Reportage "Die Reparatur der Lebenden" genau dieser Seite des Krieges. Über fünf Jahre hat sie den Alltag zweier Frauen begleitet, die an der Identifikation von Kriegsopfern in Nordwestbosnien arbeiten, einem weniger präsenten Kriegsschauplatz. Das macht die Aufgabe nicht weniger fordernd, denn 2010 wurden dort noch mehr als 5000 Menschen vermisst.
Da ist einmal Senem, eine archäologische Forensikerin, die im Leichenkühlhaus die Skelette aus den Massengräbern zusammensetzt, jeden Einzelfall vermerkt und Schlüsse zieht aus dem Zustand der Kleidung und der Knochen. Dabei beleuchtet Tervonen vor allem die technische, praktische Seite ihrer Arbeit, erklärt den Unterschied zwischen primären und sekundären Massengräbern, was sich aus der Fundposition erfahren lässt und wie man die Überreste vor der Erfassung wäscht und präpariert.
In den Kontakt mit den Hinterbliebenen kommt Tervonen im Anhang von Darija: Sie ist dafür zuständig, mit den Suchenden Fragebögen auszufüllen, ihre Erinnerungen und schließlich ihr Blut zu sammeln, um in der Datenbank nach DNA-Übereinstimmungen zu suchen. In vielen bosnischen Wohnzimmern blickt Tervonen in die Psyche der Trauernden und erfährt, wie sie sich an ihre vermissten Angehörigen erinnern - immer noch in der Hoffnung, sie zu finden.
Das jahrelange Beobachten im Leichengeruch hat die zu Beginn unbedarfte Journalistin, die sich - so schreibt sie - aus Sinn für Gerechtigkeit für die Opfer des Krieges interessiert und noch nichts mit dem "Reich der Toten" zu tun gehabt hatte, zu einem Teil des Gespanns gemacht: Den Schicksalen einen Sinn geben "Darija anhand der vier Tropfen Blut, Senem anhand der Knochen, ich anhand der Geschichten, die ich verwebe", weiß sie.
Nicht nur hier wird klar, dass Tervonen keine neutral-entgrenzte Autorin ist, sondern sich mit den Opfern und der Arbeit der beiden Frauen gemein macht. Sie wirft einen nüchternen, aber empathischen, nie ungerührten Blick auf die Arbeit der Forscherinnen und auf die Menschen, denen sie dabei begegnet. Darin beeinflussen sie der manchmal fließbandhafte und ungerührte Duktus von Senem und Darija, aber auch die Eindrücke der Arbeit im Feld. Gerade in dem Schlaglicht auf den technischen Alltag liegt Tervonens Verdienst und die Eindringlichkeit ihrer Reportage, das Leid im Krieg als etwas so Unheroisches, Profanes zu zeigen, das es tatsächlich ist. Das liegt auch an ihrem gelungenen Reportagenstil: Sie versinkt nicht in technischen Details, sondern hat einen Blick für die lebendig machenden Kleinigkeiten, die es auch im Leichenschauhaus gibt.
Das heißt zugleich, dass sie den historischen, politischen und gesellschaftlichen Ursachen des Konflikts wenig Raum gibt. Dass dabei Details hintüberfallen, ist zu vernachlässigen; über manche Ungenauigkeit täuscht das aber nicht hinweg, so etwa, dass sie mindestens unpräzise von "der serbischen Armee" schreibt. Die bisweilen fehlerhafte Unterscheidung zwischen Region ("bosnisch") und Ethnie ("bosniakisch") liegt vermutlich an Patricia Klobusiczkys ansonsten hervorragender Übertragung aus dem Französischen, das weniger konsequent unterscheidet ("bosniaque"). Vor allem aber neigt die Autorin zu vereinfachenden Deutungen der Geschichte: Wer hier Täter war und wer Opfer, das erscheint in Tervonens Anekdoten oft eindeutiger als in den bosnischen Öffentlichkeiten, wo die Wahrheit davon abhängt, wen man fragt.
Dennoch zeigt sich die Autorin als hervorragende Kennerin des Landes. In ihre Reportage flicht sie Versatzstücke des Alltags in Bosnien-Hercegovina: die von ihren Wurzeln entfremdete Diaspora, korrupte Politiker, die sich zwar neben den Massengräbern fotografieren lassen, den Forschern aber den Geldhahn zudrehen, die Perspektivlosigkeit, die andauernden ethnischen Spannungen und das Schweigen als Preis für das Nebeneinander.
"Im Grunde hat niemand Lust auf eine Gesellschaft, in der die Menschen ihre traumatischen Erinnerungen ständig zur Schau stellen", schreibt sie. Wenn es mal so einfach wäre. Verzeihlich, dass sie dabei gelegentlich in die Falle einer gewissen Balkanismus-Folklore geht, wenn es um Aschenbecher in Zugwagen und die Gastfreundschaft "der Bosnier" geht.
Senem hat 2015 ihr Heimatland verlassen. Andere Kriegsschauplätze waren unterdessen drängender geworden, Syrien oder Irak, so war für Bosnien kein Geld mehr. Sie zog es seinerzeit nach Abchasien, in ein Land, das sie an ihr Zuhause erinnert habe. Dass ihre Zunft auch in der nächsten Zeit genug Arbeit haben wird, ist die bleibende Pointe dieser Lektüre. LUCA VAZGEC
Taina Tervonen:
"Die Reparatur der Lebenden". Zwei Frauen in Bosnien-Herzegowina auf der Suche nach den Ermordeten des Krieges.
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Zsolnay Verlag, Wien 2025. 208 S., geb.
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