"Für Polina" ist für mich eines dieser Bücher, die leise beginnen und sich fast unmerklich festsetzen, bis sie einen nicht mehr loslassen. Die Geschichte von Hannes und Polina startet tatsächlich schon vor ihrem bewussten Leben und zwar mit zwei jungen Frauen, die sich im Krankenhaus begegnen, beide alleinstehend, beide am Anfang eines ungewissen Weges. Aus dieser zufälligen Begegnung wächst eine Freundschaft, die sich auf ihre Kinder überträgt. Hannes und Polina wachsen miteinander auf, fast wie selbstverständlich miteinander verbunden, und doch von Anfang an sehr unterschiedlich.Hannes ist still, sensibel, beobachtend. Seine Welt erschließt sich über die Musik, lange bevor er Worte dafür findet. Polina hingegen ist lebendig, fordernd, voller Fragen und Energie. Diese Gegensätzlichkeit hat mich sehr berührt, weil sie sich nicht ausschließt, sondern ergänzt. Die besondere Nähe zwischen den beiden wirkt nie kitschig oder konstruiert, sondern organisch als wäre sie einfach da, ohne Erklärung.Besonders beeindruckt hat mich der Figurenaufbau. Takis Würger nimmt sich Zeit, seine Charaktere wachsen zu lassen. Vor allem Hannes' Mutter Fritzi ist mir ans Herz gegangen. Sie ist eine Frau mit Leichtigkeit, Humor und innerer Stärke, die das Leben nimmt, wie es kommt, ohne bitter zu werden. Auch Heinrich, der eigenwillige ältere Mann in der Villa im Moor, verleiht der Geschichte etwas Märchenhaftes, ohne sie ins Unwirkliche kippen zu lassen. Überhaupt hat das Buch für mich etwas von einem modernen Märchen. Ruhig erzählt, detailverliebt, entschleunigt und gerade deshalb so wirkungsvoll.Die Musik zieht sich wie ein Grundton durch den Roman. Sie ist Ausdrucksmittel, Zuflucht, Erinnerung und Verbindung zugleich. Die Idee, dass Hannes Menschen und Gefühle in Melodien übersetzen kann, fand ich wunderschön. Besonders die Komposition für Polina steht sinnbildlich für all das, was unausgesprochen bleibt. Sehnsucht, Liebe, Verlust.Natürlich gibt es auch schwere Momente, Brüche, Schicksalsschläge. Aber Takis Würger erzählt sie ohne Pathos. Die Traurigkeit ist spürbar, ohne erdrückend zu sein. Gerade diese Zurückhaltung hat mich oft mehr bewegt als große dramatische Gesten es könnten. Zwischendurch hatte der Roman für mich kleine Längen, vor allem im späteren Teil, doch selbst da blieb die Atmosphäre so dicht, dass ich gerne wieder hineingefunden habe.Am Ende bleibt für mich vor allem ein Gefühl: Wärme. Und Dankbarkeit für eine Geschichte, die zeigt, wie prägend frühe Verbindungen sein können, wie Musik tragen kann und wie Liebe manchmal weniger ein großes Wort als ein leiser, aber beständiger Klang ist. Das Buch erhält eine klare Leseempfehlung, mich wundert aber, dass es so gehypt wird.