Selten habe ich in einem Buch einen so wunderschönen Schreibstil gelesen. Die Sprache ist ruhig, poetisch und sehr einnehmend. Ich konnte mühelos in die Geschichte eintauchen. Hamburg als Schauplatz war meinem Empfinden nach auch sehr passend gewählt. "Für Polina" war als Lektüre für mich perfekt zum abschalten. Besonders an diesem Buch fand ich die Rolle der Musik. Es liest sich wie ein Liebesbrief an sie, mit sehr leidenschaftlichen und eindrucksvollen Elementen. Dieser Aspekt war für mich einer der grossen Stärken des Romans. Leider hatte ich mit den Figuren der Geschichte Schwierigkeiten. Protagonisten müssen dem Lesenden nicht immer zwangsläufig sympathisch sein, aber hier konnte ich überhaupt keinen Zugang zu den Charakteren finden. Hannes war für sein Alter sehr naiv und verliert sich in Selbstmitleid. Polina auf der anderen Seite macht auf mich einen sehr egoistischen Eindruck und behandelt Hannes schlecht. Ich konnte die Dynamik zwischen den beiden einfach überhaupt nicht nachvoll. Das Ende ist zwar ein Appell an die Hoffnung, aber leider berührte es mich weniger, als ich es mir gewünscht hätte. Ich spürte leider einfach keine emotionale Bindung zu den Charakteren. Im Allgemeinen schien die Geschichte auf mich auch leider nicht wirklich originell. Viele Elemente habe ich schon in anderen Liebesromanen lesen können. Dazu wirkten einige Passagen auf mich unangemessen für die heutige Zeit. Mir wurde erst im späteren Verlauf der Geschichte klar, dass die Geschichte in der heutigen Zeit spielt und so wunderte ich mich sehr über die aus der Zeit gefallenen Passagen. Auch wurden Frauen ("Elfenfrau") und auch Männer im übrigen stereotypisch negativ dargestellt. Ich zitiere: "was ihn zusammen mit dem Anblick des Milchbusens vollends unzurechnungsfa¿hig machte." Manche Szenen waren erotischer Natur ("milchgeschwollene Brust") und passten irgendwie nicht in das generelle Setting und in die Sprache des Buches. Kurzum: Ich hätte mir gewünscht, dass der Fokus stärker auf der Musik liegt und weniger auf der toxischen Dynamik zwischen Polina und Hannes. Trotz meiner Kritik bleibt das Buch durch seine Atmosphäre und den Schreibstil lesenswert. Das wunderschöne Buchcover und den Titel finde ich persönlich auch sehr passend gewählt. Ich vergebe 3,5 von 5 Sternen und empfehle es Leserinnen und Lesern, die Wert auf Sprache legen, aber weniger denen, die eine Geschichte um der Geschichte willen lesen wollen.