Das Gefühl von Trieb, Schuld und Scham lässt sich kaum besser verdeutlichen.
Von den drei Bücher des Autors Tarjeij Vesaas, die ich gelesen habe (Die Vögel, Der Keim, Das Eisschloss), gefällt mir Der Keim am besten. Alle drei vermitteln eine intensive Stimmung, doch bei Der Keim hallt sie besonders lange nach.Ein triebhaft gestörter und gleichzeitig faszinierend schöner Mann platzt in die festgefügte Gemeinschaft auf einer Insel und tötet nahezu sofort eine junge Frau, weil er es irgendwie tun muss. Sofort beginnt die Jagd nach dem Mörder, an der fast alle teilnehmen, weil es richtig zu sein scheint, den Täter zu bestrafen, sofort und mit gleicher Münze, dem Tod.Es ist relativ leicht, rationales Handeln zu beschreiben, die aufeinanderfolgenden Gründe für diese und jene Handlung darzulegen. Schwierig wird es, in die dunklen Tiefen der Triebe hinabzusteigen und diese dem rationalen Lesergeist bildhaft vorzuführen. Tarjeij Vesaas schafft genau das. Erst lässt er zwei Sauen aus mehr oder weniger gutem Grund aufeinander losgehen, die sich nur deshalb nicht gegenseitig zerfleischen können, weil sie vorher zu Tode stürzen. So eingestimmt verfolgt der Leser die blinde Jagd auf den Mörder, die erfolgreich abgeschlossen wird, von allen Jägern und einem im Besonderen. Vesaas findet die richtigen Adjektive für das triebhafte Tun, sodass man als Leser entsetzt von oben auf das Ganze herunterschaut und gleichzeitig mitten drin ist, weil dieselben treffend benannten Triebe in einem selber angelegt sind.Danach beginnt die Zeit der Schuld und Scham, wunderbar dargestellt, indem die Jäger sich in der dunklen Scheune des als rechtschaffen angesehenen Karl Li verstecken müssen, in den stinkenden Schweinekoben, weil sie fühlen, dass sie genau dort hingehören. Wenigstens für eine Nacht, bis jemand sie freispricht. Aber wer sollte sie freisprechen? Die Schuld kann ihnen nicht genommen werden.Ein weises Buch.