
Unerschrocken und mitreißend in seiner Freiheit, sprengt dieser Band alle Vorstellungen dessen, was eine Frau ihrer Zeit und Herkunft schreiben darf. Tezer Özlü stellt sich damit in eine Reihe mit Sylvia Plath und Anne Sexton. Sie erzählt zugleich autobiografisch und surreal, mit bekenntnishafter Offenheit und Gefühlsunmittelbarkeit - in einer bildstarken, betörenden und begeisternden Sprache.
»Wir haben Deine Bücher in Istanbul sehr geliebt«, schreibt Emine Sevgi Özdamar in ihrem Nachwort zu Tezer Özlüs Suche nach den Spuren eines Selbstmordes, das die türkische Autorin und Übersetzerin 1982 auf Deutsch geschrieben, aber nur auf Türkisch veröffentlicht hat. Darin nimmt uns Özlü mit auf zwei Reisen: eine von Westberlin nach Prag, Triest und Turin, an die Orte von ihr verehrter Schriftsteller. Eine zweite führt in ihr Inneres. Zu ihren Träumen, Empfindungen und Wünschen. Sie steigt in den Zug und streift alles ab: die »vernunftlosen Ketten der Gesellschaft«, die »kalten Nächte der Kindheit«, die »Schlafzimmer der Nervenkliniken«, die Verfolgung nach dem Militärputsch in der Türkei: »Hier in den Gärten von Valentino wird mir klar, dass mein einziges Glück darin besteht, allem zu entfliehen. «
Besprechung vom 15.12.2024
Besondere Vorkommnisse
Lohnt es sich zu leben?
In der Nacht vom 27. zum 28. August 1950 nahm sich Cesare Pavese, der große Einsame, Unglückliche der italienischen Literatur, in einem Turiner Hotel das Leben. Mehr als dreißig Jahre später macht sich die 1943 in der Türkei geborene, nach dem Militärputsch 1980 im Exil lebende Tezer Özlü auf zu einer Pilgerreise. Sie hat Pavese ins Türkische übersetzt, er war und ist ihr Heiliger des Schreibens. Von Westberlin aus, wo sie mit einem Stipendium des DAAD lebt, fährt die heimatlos gewordene Özlü nach Prag, dann über Wien nach Zagreb und Triest, schließlich nach Turin, wo sie bis ins Sterbezimmer Paveses vordringt. Die ganze Zeit über bewegt sie sich zwischen Traum, Vision, Erinnerung. Die langen Nächte verbringt sie, voll Sehnsucht nach Liebe und Berührung, mit diesem und jenem Mann, besucht das Grab Kafkas in Prag, die 84-jährige Tochter Italo Svevos in Triest, und immer schreibt sie, nachts und tags, im Zug, im Café, auf einer Parkbank, auf den Knien im Auto. In manischer Getriebenheit fügt sie Gedanken, Gefühle, kleine Beobachtungen, Zitate, Begegnungen und Gespräche zu einem Text des ästhetischen Widerstands zusammen ("Suche nach den Spuren eines Selbstmordes. Variationen über Cesare Pavese", Suhrkamp, 23 Euro). Diese "Suche" nach dem, wofür es sich zu leben, zu lieben, zu kämpfen, weiterzumachen lohnt, war, obwohl auf Deutsch geschrieben, mehr als vierzig Jahre nur in der türkischen Übersetzung zu lesen. Jetzt liegt sie zum großen Leseglück endlich im Original vor, folgt dem inneren wie äußeren Gelände der Reise, dem unscharfen Grat zwischen Leben und Tod. Der kunstvoll gewebte Text entspricht keiner konventionellen Form, ist weder Tagebuch noch Roman noch Essay: Er ist ganz sie selbst, die Schreibende, Liebende, ist Tezer Özlü. beha.
Immer weiter tanzen
Der Berliner DJ Westbam und Jürgen Laarmann, Herausgeber der einst wichtigen Zeitschrift "Frontpage", riefen 1994 die "Raving Society" aus. Eine Gesellschaft, die mit Technobeats in eine friedlichere, bessere Zukunft tanzt? Das klang schon damals ein wenig größenwahnsinnig. Aber warum das einen Nerv traf, kann man in dem wunderbaren Bildband "Analog Rave" von Tilman Brembs nachfühlen. Der frühere "Frontpage"-Fotograf war selbst Raver, immer mittendrin, kannte jeden und durfte mit seiner Kamera (Smartphones gab es noch nicht) fotografieren, wo andere rausgeschmissen worden wären. Seine Bilder dokumentieren die unvergleichliche Euphorie der frühen Neunziger in der Technowelt, die Aufbruchstimmung, die Ekstase, den Optimismus dieser neuen Sphäre, in der jeder mitmachen durfte, wenn er mittanzen wollte - egal, was er anhatte, wie er aussah oder wo er herkam. Wir ziehen mit Brembs durch die Clublegenden Planet, E-Werk, WMF oder Tresor, sehen die ansteckende Freude der Feiernden auf den frühen Loveparades oder der Dortmunder Mayday, in München bei Rave City oder auf der Kölner Popkomm. Es fühlt sich an wie der intime Blick in ein Familienalbum, in dem die Protagonisten meist auch nur Vornamen haben. Brembs hat die besten Fotos aus seinem sensationellen Archiv auf 160 Seiten vereint und im Eigenverlag für 29 Euro herausgebracht (www.zeitmaschine.org). rais
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