
Besprechung vom 25.04.2026
Die lächelnden Geister der Geschichte
Das Ende der DDR begann vor fünfzig Jahren mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Am 16. November 1976 verkündete ADN, eine der beiden Nachrichtenagenturen der DDR, diese Politbüro-Entscheidung und sprach von "grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten". Dagegen protestierte die Mehrheit aufrechter DDR-Schriftsteller mit einer Resolution, darunter Thomas Brasch. Er ging direkt zu Erich Honecker, dem Vorsitzenden des Staatsrats, dem sein Vater Horst Brasch als hoher Funktionär eng verbunden war. Nachdem Thomas Braschs Texte in der DDR nicht mehr erscheinen durften, genehmigte man ihm umgehend die Ausreise mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach und deren Tochter.
Das 1980 publizierte Gedicht "Ansturm der Windstille" entstand in Westberlin, dem Brasch keineswegs zujubelte. Von dieser Ambivalenz handelt der Text, der sich wie Prosa liest und nur durch zwei Doppelpunkte und einige Großschreibungen in eine Reihe von Hauptsätzen gegliedert ist. So paradox oder widersprüchlich wie der Titel ist der Inhalt. Von wo aus werden die Ruderer auf der Spree beobachtet? Es muss im Tiergarten sein, auch wenn sich der Tierpark in Lichtenberg mit in das zweite Wort mischt. In Ostberlin gab es aber keine der erwähnten "Leuchtreklamen", keine rudernden Kämpfer der Freizeit (höchstens der Freiheit), laut Staatsdoktrin auch weniger fleißige Angestellte als Arbeiter.
Und in welche Richtung wird hier gerudert? Dem "Abendlicht" entgegen, also nach Westen, wo die Spree bei Spandau in die Havel fließt und man weiter zu Fuß irgendwann auf die Mauer gen Osten gestoßen wäre? Oder geht es zur Friedrichstraße, wo Westberlin am legendären Grenzübergang Tränenpalast endete, dahinter die Weidendammer Brücke mit dem "Preußischen Ikarus", den Biermann mit seinem letzten Lied im Osten besang? Der Witz beim Rudern ist zudem, dass nur der Steuermann in Fahrtrichtung blickt. Die "Kämpfer der Freizeit" hingegen würden auf der Westfahrt zur Havel zurück auf den Fernsehturm im Osten schauen, und in umgekehrter Richtung vielleicht auf die Siegessäule am Großen Stern.
Von "lächelnden Geistern aus der Geschichte" in Gestalt von Büsten ist am Ufer in diesem Bereich des Tiergartens wenig zu sehen, beim Bundespräsidenten im nahen Spreeschloss Bellevue haben aber preußische Köpfe der Berliner Aufklärung inzwischen Schlachtengemälde erfolgreich verdrängt (1980 galt das noch nicht). Die im Wasser sich spiegelnde Leuchtreklame dürfte zur Entstehungszeit am Standort im Tiergarten nicht sichtbar gewesen sein. Brasch fügt sie wie die historischen Geister offenbar als prominentes Symbol des Westens hinzu, mit dem er in kritischer Absicht hadert. Ob er, der gern an seine jüdische Mutter in Wien erinnerte, die von den Nazis zur Reinigung der Straße mit einer Zahnbürste gezwungen wurde, vom Ursprung des nur verändert gereihten, durch Versalien hervorgehobenen Reklamespruchs wusste? Der patentierte Slogan "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf" stammt nämlich von dem Journalisten und ehemaligen NS-Gauamtsleiter Viktor Muckel, der nach seiner offiziellen Entnazifizierung zu den Mitarbeitern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seit ihrer Gründung im Jahr 1949 gehörte.
Die viel beschworene Freiheit des Westens gerät in dem Gedicht in eine kritische Perspektive. Scheinbar gedankenlos steht der Berichtende an einem Baum im Tiergarten, während die Freizeitsportler mit ihrem dreifach wiederholten Rudertakt - "eins, zwei" - vorbeiziehen. Ganz so, als würden diese "Helden der Auszeit" statt "Helden der Arbeit" ziellos herumfahren, überall auf den Osten zu, sei es nach Spandau oder zum Übergang Friedrichstraße. Das wäre ein ähnlich "genehmigter Auslauf" wie für "Die Motorradfahrer", die in Braschs gleichnamigem Gedicht "in der ummauerten Stadt" sinnlos auf der A 115, der AVUS (Automobil-, Verkehrs- und Übungsstraße), hin und her heizen.
Braschs lyrischen Beobachter erfüllt solch übermütiges Treiben - "für nichts und wieder nichts" - mit schierem Unverständnis oder sogar einem Gefühl, "Als ob ich eben gestorben sei". Damit wird doch noch die aufziehende Windstille des Titels eingeholt, sie bedeutet Stillstand und ewige Wiederkehr des Gleichen. Mit solcher Kritik am Westen ist Brasch angeeckt. Als er 1981 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, dankte er auch seiner Hochschule in Potsdam-Babelsberg. Zur Strafe ließ man ihn sein Hotel in München selbst bezahlen.
Thomas Brasch: "Der schöne 27. September. Gedichte". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 86 S., geb., 24,- Euro.
Alexander Kosenina hat zuletzt mit Anke Detken herausgegeben: "Canetti-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung". Verlag J. B. Metzler, Heidelberg 2026. 425 S., geb.
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