Bunt und üppig
Ich gebe zu, dieses Buch war ein reiner Coverkauf. Ich liebe diese kitschige Farbkombi und der passende Farbschnitt ist so hübsch. Als ich es auf der Frankfurter Buchmesse 2024 sah, war ich schockverliebt! In diesem Buch versteckt sich ein historischer Roman der besonderen Art und das ist gar nicht mal so unbedingt etwas, was ich gerne lese. Venedig hingegen, Schauplatz der Geschichte, wird für immer einen Platz in meinem Herzen haben. Mal gucken ob das reicht dieses Buch zu genießen.Orsola Rosso ist die Tochter eines muraneser Glasmachers. Obwohl sie sich für dieses Handwerk sehr interessiert, hat sie als Frau kein Recht sich daran zu beteiligen, geschweige denn, den Männern zu sagen, was besser und lukrativ wäre. Es ist tiefstes Mittelalter auf der Insel in der Lagune und das Leben ist klar patriachal geregelt. Als der Vater nach einem tragischen Unfall stirbt, müssen die noch jungen Brüder in seine Fußstapfen treten. Der älteste, Marco, ist noch nicht mal besonders begabt und es dauert etwas, bis er einsieht, dass er noch viel zu lernen hat. Orsola hingegen beginnt Perlen aus Glas herzustellen. Kaninchenköttel nennt der großspurige Bruder die kleinen Kunstwerke. Er hält das für keine große Leistung und beachtet seine Schwester nicht weiter, die sich nach und nach einen Namen macht.Als die Pest über Venedig herein bricht, sind es genau diese Perlen, die die Familie vor dem Hungertod retten. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg begleiten wir die Familie Rosso und insbesondere Orsola, die geschickt und findig auf vielen Gebieten ist, sich aber immer wieder ihrem großkotzigen Bruder unterwerfen muss. Er bestimmt, was sie machen darf, er bestimmt, wo sie wohnt und wenn sie heiratet. Da er aber gerne über die Stränge schlägt, ist es jedes Mal seine Schwester, die ihm den Kopf aus der Schlinge rettet.Dieser Roman fängt das Leben auf der Insel Murano, auf experimentelle Weise ein.Zuerst einmal lernen wir viel über die Kunst, mit der sich die Familie Rosso beschäftigt. Es war unglaublich interessant und plastisch dargestellt, wie Schalen, Kelche aber auch Perlen hergestellt werden.Dann ist die Machart dieses Romans eine ganz besondere. Wir verweilen nicht im Mittelalter, sondern bewegen uns durch die Jahrhunderte. Venedig, Italien, die Welt altert, aber unsere Protagonisten kaum. Die Autorin bedient sich dabei einer passenden Symbolik. Sie lässt uns einen flachen, geschliffenen Meereskiesel von Murano aus, über die Lagune flitschen, und jedes Mal, wenn der Stein auftitscht, sind wir ein paar Jahrzehnte oder ein ganzes Jahrhundert weiter. Das hört sich vielleicht etwas kompliziert an, ist es aber überhaupt nicht. Ich konnte diesen Zeitsprüngen sehr gut folgen und mich jedes Mal auch in eine neue Epoche versetzen, sowie das Bild, das ich mir von den Personen gemacht habe, mit hinübernehmen. Und so durchleiden wir mit Orsola die Pest, bestaunen neue Erfindungen, erdulden neue Besatzer und ziehen in den Krieg, bis wir schließlich in unserer Gegenwart angekommen sind. Ein Kniff, den ich so noch in keinem Buch gelesen habe und der mir tatsächlich sehr gefallen hat.Ab und an treten bekannte Persönlichkeiten in den Text. Napoleons Josephine, zum Beispiel oder Giacomo Casanova der es darauf anlegt unsere Orsola zu verführenNicht zuletzt sind Venedig und die Inseln, insbesondere Murano, eine wunderbare Kulisse. Die Stadt im Wandel der Zeiten wächst einem richtig ans Herz, und obwohl ich schon einige Male dort war, packt mich die Lust mal wieder durch die Gassen und über die Brücken zu schlendern und "La Serenissima" zu besuchen. Es gibt keinen großen Spannungsbogen, der uns zu einem außergewöhnlichen Geheimnis führt. Es geht mehr um das Geheimnis des Überlebens, was uns hier begleitet. Die Fragen, die man sich stellt, beschäftigen sich in erster Linie mit Orsola und ihrem Weg, den großen und kleinen Krisen, die eine Familie ereilt und dem Zusammenhalt, der besonders zum Ende hin noch mal eine besondere Wendung bekommt. Ein kleines Geheimnis wird auch gelüftet und das gibt dem ganzen Plot den letzten Schliff.Ich war gerne ein Mitglied der Familie Rosso, hab mich beim Lesen zugehörig gefühlt, mit einzelnen Protagonisten gelitten und mich mehrfach sehr über Marco geärgert. Ich war richtig drin in der Geschichte und hätte niemals gedacht, dass das ein Highlight für mich wird.Ich empfehle diesen Roman, nun allen die historische Romane vor realer Kulisse lieben, Zeitexperimenten nicht abgeneigt sind und ein farbenprächtiges Glasperlenspiel funkeln lassen möchten.