
Gedichte, gespeist von einem großen europäischen Fluss
Uwe Kolbe spricht in seinem neuen Gedichtband »Das Alter der Elbe« von der Elbe und ihrem weit gefassten Einzugsgebiet. Die Gedichte folgen autobiographischen und zeitgeschichtlichen Spuren, vom
Schleppkahn der Eltern im Interzonenverkehr zwischen Ost und West über die Verbrechen der NS-Zeit bis zu heutigen, realen Ufern. Poetische Momentaufnahmen wie die Zusammenschau von Wanderungen und Reisen entlang der Gewässer wechseln sich ab. Dabei strömen und mäandern die Gedichte wie die Gewässer selbst. Und natürlich führen sie uns auch zu den Quellen: zu den realen Quellen der Elbe im tschechischen Riesengebirge, vor allem aber zu den Mythen und Legenden, die die Elbe mit sich führt.
Ein poetisches Porträt der Elbe, das Vers um Vers die Grenzen zwischen Ost und West, zwischen Natur und Kultur, Gegenwart und Vergangenheit überspringt.
Besprechung vom 14.03.2026
Elbverständigung ist Selbstverständigung
Alles fließt im neuen Gedichtband von Uwe Kolbe, der an eine große Lyriktradition anknüpft und doch ganz bei sich bleibt.
Von Christian Metz
Über das Strömen, Rauschen, Sprudeln, Schwappen, Stauen und Schäumen, über das Quellen und Münden von Flüssen wie von Versen ist in der deutschsprachigen Lyrik- und Wasserlandschaft so viel gedichtet worden, dass man verführt ist, Hochwasserpegel zu verlesen. Von Hölderlins "Der Rhein" zu Goethes "Mächtiges Überraschen", von Zsuzsanna Gahses "Donauwürfel" bis zu Paulus Böhmers mäandernd schweifender "Die Ohm" entfaltet sich die deutschsprachige Lyrikflussgeographie. (Atemstockend schweigen wir von Felsvorsprüngen wie der Loreley.)
In diesen Flussraum schreibt sich Uwe Kolbes Gedichtband "Das Alter der Elbe" ein. In sechs Zyklen (und einem angehängten Bildkonzentrat, genannt "Trailer") folgt er dem "Lineament" des Stromes von der Quelle bis zur Mündung. So, als würde er die Jahresringe eines Baumes behutsam mit den Fingerspitzen nachstreichen. Kolbes poetische Flusslinienkunde fokussiert weniger auf den natürlichen Flussverlauf, als vielmehr auf die dort lebenden Menschen mit ihren um den Fluss zirkulierenden Geschichten, Sagen, Phantasien, ihrem Sprechen, Gerede und Murmeln, das seinerseits Linien der Elbkultur in die Textlandschaft einzeichnet: "Gescheut wird die alte getreue, / die Wiederholung natürlichen Laufs, / es tritt Mensch in Menschenspur", proklamiert die Eingangsstrophe des ersten Zyklus.
Die Worte aus Worten, "verbunden einander / wie Kiesel und Sand", umspannen ebenso böhmische Sagen um die wahrsagende Stammmutter Libuse wie belustigt erstaunte Beobachtung von Flussschwimmern bei Coswig. Sie reichen vom Abgesang auf die Elbwerft Boizenburg bis zum modernen Mythenschatz um Meetschow in der Gemeinde Gorleben, die aus atomarer Grenzlanderfahrung von Langzeitdenken und Halbwertphantasie bestimmt ist: "Wir haben den langen Weg genommen. / Die Grenze kam und kam nicht. / Wir dachten nur Grenze aus alter Gewohnheit." Dennoch bleiben solche Gedankenreservoirs stabil, als dauerte ihr Abbau Jahrtausende an.
Uwe Kolbes Alterskunde entfaltet sich aus der Beobachtung einfacher, flüchtiger und doch seriös wahrheitstauglicher Augenblicke. So entstehen Miniaturen der Elb- und Selbstverständigung aus ebenso naheliegenden wie tiefgreifenden Fragen: "Was ist schön daran, erwachsen zu sein?", fragt Kolbe, um mit einer sommernächtlichen Wärme- und Affektszene zu antworten: "in einer Sommernacht / - die Luft steht still, es ist fast so heiß / wie am Tag", setzt die Erklärung, um im Sinne von William Carlos Williams (Paterson erhält ein eigenes Wasserfall-Gedicht) zu sagen, was zu sagen ist: Du "gehst an den Kühlschrank // und schenkst dir Weißwein in ein Glas, / es beschlägt sofort, du nimmst das Buch // wieder zur Hand und fährst fort zu lesen, / Gedichte, wirkliche, echte Gedichte. // Zu wissen, was echte Gedichte sind, / das ist schön daran, erwachsen zu sein." Echte Gedichte (wie das vorliegende) entstehen aus einem sehr eigenen Sprachbewusstsein. Sie verlieren sich nicht wie einst Thomas Kling im Abtasten einzelner Silbenfragmente: "di / textader (. . .) / bruchstücke, / ständig überspült; über- / löschte blöcke". Ihre Beobachtungsstudien verzichten darauf, Sprachpartikel und Sinneswahrnehmungen bis zu ihren Elementarteilen zu zerlegen. Wenn etwa Nico Bleutge im Angesicht von Salinen dichtet: "bündel, reisig, / über das wasser rinnt, im rieseln, rieselnde tropfen, ein dauerndes plitschern, fast knisterndes drippeln, über die zwei- / die zweige hinweg", so bleibt Kolbes Beobachtung von "Salinen" auf die technisch-maschinenkritische Begegnung von Gegenstand und Subjekt fokussiert: "Ich fühlte die Drüsen, / die Arbeit des Ich-Apparats, / Danaergeschenk des Rudels, / aus dem zwei mich machten, die Adern / einfädelten, schlampig, lasch, / und nebenbei, nur weil es so Sitte / legten sie auch ein Gewissen an." Mehr Detail braucht's nicht.
Kolbes echte Gedichte bleiben bei ihrer eindrücklichen Satz- und Gedankengenauigkeit. Sie bewegen sich im Feld zwischen "Weit und breit nichts, das noch zu einer Metapher taugte" und "Kein Wort gibt es, das nicht Metapher wäre". In diesem Sprachraum gewinnen sie ihre analytische wie polemische Schärfe: "Ohne Grund" ist so ein Gedicht über den Fluss und den Lauf der Dinge: "Ohne Grund // Du hast dich und alles verraten / wie immer für lau. / Stand nichts auf dem Spiel, nichtig die Rede, der Bau. // Verraten den Tonfall, das Wort, / die Rede im Brustton verraten." Kolbes Gedichte formulieren für sich den Anspruch keinen Verrat zu begehen, nicht ohne Grund zu bleiben. Da sie sich aus eigenen Quellen, Zu-und Einflüssen speisen, schließt jeder Zyklus damit ab, unter dem Titel "Woher ich alles habe" das Fließen der Elbe sanft in einen Wissensgrund zu betten: "Ich habe es von Philemon, das silberne Haar und hell ausschau- / ende Augen, sein Platz ganz vorn in den Alphabeten der Dichter. // Ich habe es von Baucis, Samen aus Übersee, golden wie Goethes / Ginkgoblätter." Uwe Kolbes Gedichte sprechen von einem tiefen Vertrauen in die am Redefluss des Wandels wurzelnden Bäume. Philemon und Baucis ihrerseits verwandelten sich nach ihrem Sterben in eine Eiche und eine Linde, deren Zweige in Zuneigung ineinander verwuchsen. Gemeinsam wiegen sie sich im Rhythmus des Windes. Dem Alter der fließenden Veränderung ergeben und entzogen, davon verstehen Uwe Kolbes Verse zu singen.
Uwe Kolbe: "Das Alter der Elbe". Gedichte.
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2026. 144 S., geb.
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