Ein feinsinniger Triumpf dichterischer Fantasie über die erdenschwere (Geschlechterrollen-)RealitätMit frei fabulierender Leichtigkeit und Lust an der biografischen Travestie hat Virginia Woolf diese (wie sie selbst es nannte) «literarische Eskapade» verfasst - eine furiose Liebeserklärung an ihre intime Freundin Vita Sackville-West. Dank der zeitgemäßen Neuübersetzung von Irma Wehrli lässt sich ein Meisterwerk heiteren Übermuts ganz neu entdecken. Stets mutig dem Ruf seines Herzens zu folgen - dies ist das innigste Begehren von Lord Orlando, der im späten 16. Jahrhundert unter hochgestellten Persönlichkeiten aufwächst und zum Schatz- und Hofmeister von Königin Elisabeth I. avanciert. Von einer moskowitischen Fürstin sitzengelassen, von einer rumänischen Erzherzogin drangsaliert und als Poet gescheitert, flieht er als Sonderbotschafter Hals nach Konstantinopel, wo er während einer Revolution eine ganz unerhörte Verwandlung erfährt: Er erwacht mit unveränderter Identität, doch als Frau und alterslos. Maskuline Stärke und feminine Anmut in sich vereinend, führt Orlando fortan eine ausschweifend-sinnliche Existenz jenseits starrer Geschlechter- und Klassenkonventionen in Adels- wie in Freudenhäusern. Zurück in London, mündet die Metamorphose im Viktorianischen Zeitalters in eine (glückliche) Ehe samt Mutterschaft, aber auch in künstlerischer Anerkennung. 1928, in dem Jahr, da der Roman mit seinem Erscheinen endet, ist Orlando endlich die gefeierte Dichterpersönlichkeit, die sie seit jeher sein wollte.
Nach der vielgerühmten Neuausgabe von
Mrs. Dalloway 2022 findet die Virginia-Woolf-Renaissance bei Manesse mit
Orlando eine gebührende Fortsetzung.