
Besprechung vom 13.03.2021
Wer waren wir wann und wie?
In Yvonne Zitzmanns Roman "Tage des Vergessens" wird das Gedächtnis behandelt wie eine Krankheit.
Von Dietmar Dath
Das neue Medikament kann von missliebigen oder schmerzlichen Erinnerungen befreien. "Wie lange hält es?", wird gefragt. "Für immer", sagt der Fachmann. "Und gibt es kein Zurück mehr?", will die Vorsicht wissen. "Nicht mehr am siebten Tag", sagt der Experte. Deshalb ist Yvonne Zitzmanns Roman "Tage des Vergessens", der von diesem Pharmakon erzählt, nach Tagen geordnet, die Wirkungsgrade markieren.
Sehr unterschiedliche Leute nehmen am klinischen Test teil: eine Schwangere, der man sexuelle Gewalt angetan hat, ein Migrant aus dem Süden, ein Greis, der den Zweiten Weltkrieg im Lager durchleiden musste, ein DDR-Bürger, der sein Land vermisst, ein schiefes Paar, eine Schlagerdiva auch, die ihr altes Material nicht mehr aushält - die Reihe der Figuren, inklusive Forschungspersonal, wirkt schaustückweise arrangiert; sie dürfen alle nur Kürzel sein.
Die Autorin sagt damit aber vor allem, dass sie die Romanform versteht, von der ja, anders als von der Erzählung oder der Novelle, soziale Totalität gefordert ist - das gesamte Menschenspektrum in einem gegebenen historischen Stratum muss umrissen sein. Hier wird nämlich historisch vergessen, nicht privat, deshalb schämen sich die Namen manchmal nicht, den Modellcharakter der Leute auszusprechen: Ein störrischer Greis heißt "Altmann", sein Arzt ist der Doktor "Wechsler" ("Wendler" wäre vielleicht noch ost-west-wahrer gewesen, aber auf diesem Namen sitzt bereits ein Horrorpromi).
Vor hundert Jahren versprach ein Wiener Nervenarzt aller Welt, sie von Kurzschlüssen zu befreien, die in Menschenhirnen gewissen Erlebnissen die Bewusstseinsqualität entziehen und die er "Verdrängung" nannte. Es ging auch da nicht nur um individuelle, sondern durchaus um kollektive Zustände und Unfälle, um "Krieg und Tod", um "Totem und Tabu", wie jener Sigmund Freud erklärte. Ein scheußliches Jahrhundert später bettelt man bei Yvonne Zitzmann um mehr statt weniger Verdrängung, und einer, der das regeln will, gibt an: "Das Medikament ist ein göttlicher Segen. Es kann Tabula rasa machen, Frieden stiften. Kriege verhindern."
Das Buch blättert in Bildern, die immer schon brennen, wenn man sie anschaut, und bald Asche sein werden: "Der Mörder erzählte von seiner Kindheit, der Flüchtige von seinem Hund. Die Vergewaltigte erzählte von ihrer Mutter, mit der sie jeden Mittwoch zusammen in der Stadt einen Kaffee trank." Ein Zeuge unerträglicher Zeitgeschichte fragt fast schüchtern: "Warum nur hat mich der Tod vergessen?" Es geht bei diesen Tiefschlägen ins Lesegewissen nicht um Tiefsinn oder expressionistisches "O Mensch"-Geheule. Vorgelegt werden vielmehr Protokolle, oft geradezu Kinderlesebuchsätze, die mitteilen, dass wir als Spezies eine Zeit erreicht haben, in der die Leute nur noch älter werden, nicht mehr reifer oder weiser oder bescheidener oder mutiger oder klüger oder dümmer. An manchen Stellen liest sich jeder Satz wie der Deckel auf einem Buch, das man nicht aufschlagen kann, weil es dann doch kein Buch, sondern ein Grabstein ist: "Antons Maus ist eine Ratte. Anias Kind ist nicht mehr da. Sabine und Joachim sprechen, aber nicht miteinander. Und Helmut war schwer in der Krise. Ulla singt wieder. Malek versteht alles."
Es geht so weiter, das ist die böse Moral. Wenn den Leuten seit wortwörtlich unvordenklichen Zeiten, seit dem Dunkel, das vor allen Archiven liegt, immer wieder dasselbe Unrecht angetan wird, dann existiert für die Gattung insgesamt wohl nichts, was dem Gedächtnis gleicht, das nach Heinz von Foerster "Vorschau und Rückschau ermöglicht". Alle haben immer schon davon gehört, dass es die viel zu vielen Schrecken gibt, und sind doch stets überrascht, wenn einer davon sie trifft. Heilung, träumt dieser Roman, wäre eine Neuigkeit, vor der man nicht erschreckt.
Yvonne Zitzmann: "Tage des Vergessens". Roman.
Verlag Müry Salzmann, Salzburg 2021. 250 S., geb.
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