Heinrich Manns Die Göttinnen, 1903 unter dem erweiterten Titel Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy erschienen, ist ein groß angelegter Romanzyklus des europäischen Fin de Siècle. In den drei Teilen Diana, Minerva und Venus verfolgt Mann die Wandlungen einer aristokratischen Frauenfigur, die nacheinander politische Freiheit, geistige Form und erotische Selbstverwirklichung sucht. Der Stil verbindet malerische Sinnlichkeit, ironische Distanz und rhetorische Überhöhung; Italien erscheint als Bühne ästhetischer, moralischer und gesellschaftlicher Experimente. Heinrich Mann, 1871 in Lübeck geboren, gehörte zu den schärfsten Beobachtern des wilhelminischen Zeitalters. Seine frühen Italienaufenthalte, seine Kenntnis französischer Literatur und seine Skepsis gegenüber deutscher Bürgerlichkeit prägen dieses Werk deutlich. Die Göttinnen steht am Beginn jener Entwicklung, die später in Professor Unrat und Der Untertan zu einer politischen und gesellschaftskritischen Prosa von großer Schärfe führte. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die nicht nur Handlung, sondern Ideenroman, Stilkunst und kulturgeschichtliche Diagnose suchen. Die Göttinnen ist anspruchsvoll, bisweilen luxuriös in seiner Sprache, doch gerade darin aufschlussreich: Es zeigt, wie Moderne, Dekadenz, Emanzipation und Machtfantasie um 1900 literarisch miteinander ringen.