Gerhart Hauptmanns Tragikomödie "Die Ratten" entfaltet im Berliner Mietskasernenmilieu eine dichte Handlung um Kinderwunsch, soziale Not und moralische Verstrickung. Im Zentrum steht Frau John, deren verzweifelte Aneignung eines fremden Kindes eine Kette tragischer Enthüllungen auslöst. Hauptmann verbindet naturalistische Milieustudie mit metatheatralen Elementen: Neben dem Elendsdrama der Hinterhöfe steht die Welt des Theaterdirektors Hassenreuter, die bürgerliche Kunstideale kritisch spiegelt. So entsteht ein Werk an der Schwelle zur Moderne, sprachlich genau, sozial scharf und dramaturgisch vielschichtig. Hauptmann, 1862 in Schlesien geboren und 1912 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, prägte das deutschsprachige naturalistische Drama wie kaum ein anderer. Seine Aufmerksamkeit galt den Übersehenen: Arbeitern, Frauen, Armen, gesellschaftlich Ausgeschlossenen. Erfahrungen mit Großstadtelend, sozialer Frage und den ästhetischen Debatten um Wahrheit auf der Bühne dürften die Entstehung von "Die Ratten" wesentlich befördert haben. Dieses Stück empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die Literatur als präzises Instrument gesellschaftlicher Erkenntnis schätzen. "Die Ratten" ist nicht bloß ein historisches Sozialdrama, sondern eine beklemmend aktuelle Untersuchung von Besitz, Mutterschaft, Schuld und Selbsttäuschung. Wer Hauptmanns Kunst verstehen will, findet hier eines seiner reifsten und eindringlichsten Werke.