Scharfer Workplace-Thriller über Mobbing, neurodivergent-codierte Außenseiterin und ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel.
Freida McFadden liefert mit "Die Kollegin" einen ihrer stärksten Titel und beweist, warum sie derzeit den internationalen Psychothriller-Markt so souverän dominiert. Im Zentrum stehen zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dawn Schiff, sozial unbeholfene Buchhalterin, die jeden Morgen um Punkt 8:45 Uhr an ihrem Platz sitzt, sich starr an ihre Rituale hält, wörtlich versteht, was andere nur andeuten, und im Small Talk der Kolleg:innen stumm daneben steht. Und Natalie Farrell, glatt, beliebt und sozial souverän, die Frau, die weiß, wie lang eine Umarmung sein darf und wann ein Kompliment sitzt. Als Dawn eines Morgens nicht erscheint, ist Natalie eine der Ersten, die reagiert. Ein anonymer Anruf schickt sie zu Dawns Wohnung, und dort erwartet sie ein Bild des Grauens. Ab diesem Moment beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, in dem lange unklar bleibt, wer eigentlich Katze ist und wer Maus.Am meisten überzeugt hat mich die Workplace-Mobbing-Thematik. Freida McFadden zeigt Ausgrenzung nicht als plumpe Bosheit, sondern als tägliche Mikroaggression. Das Augenrollen, wenn Dawn etwas sagt. Die Gruppe, die zum Mittagessen geht, ohne sie zu fragen. Der Chef, der ihre Ideen erst wahrnimmt, wenn ein sozial gewandterer Kollege sie wiederholt. Diese Alltäglichkeit trifft härter als jeder offene Angriff, weil man beim Lesen dauernd Situationen wiedererkennt, ob als stille Zeug:in oder als jemand, der selbst schon einmal weggeschaut hat.Dawn ist dabei eine der interessantesten Thriller-Figuren der letzten Zeit. Freida McFadden benennt Autismus nicht explizit, ihre Merkmale sind aber unverkennbar neurodivergent codiert und werden respektvoll behandelt. Kein Klischee, kein Idiot-savant-Trope, sondern ein kompletter Mensch mit fachlicher Kompetenz, innerem Widerstand und einer klaren, oft sehr präzisen Wahrnehmung der Welt um sie herum. Dass Freida McFadden praktizierende Ärztin mit Spezialisierung auf Hirnverletzungen ist, spürt man in dieser Genauigkeit. Für alle, die Aaron Wahls "Ein Tor zu eurer Welt" gelesen haben, ergibt sich hier eine spannende Ergänzung. Wo Wahl aus der Innenperspektive erzählt, zeigt Freida McFadden aus der Außenperspektive, wie neurotypische Umgebungen mit Andersartigkeit umgehen.Auch Natalie ist klug angelegt. Zunächst wirkt sie wie die einzige empathische Figur, doch je mehr wir sehen, desto ambivalenter wird sie. Man bewundert, kritisiert und bemitleidet sie fast gleichzeitig, und diese doppelte Bodenlosigkeit macht das Katz-und-Maus-Spiel so wirkungsvoll. Die Frage, wer wirklich Opfer und wer Täter:in ist, bleibt lange offen, und die Twists am Ende sind sorgfältig vorbereitet, ohne sich vorab verraten zu wollen. Wer im Rückblick nachliest, findet die Hinweise verstreut, aber die Gesamtwucht überrascht dennoch.Ehrlich muss ich sagen, dass der Slow-Burn-Anfang nicht für alle etwas ist. Wer sofortigen Actiondruck sucht, wird sich in der ersten Hälfte an manchen Stellen ungeduldig fühlen. Freida McFaddens Schreibstil bleibt zudem eher effizient als literarisch fein ausgearbeitet. Das ist Genre-Handwerk auf hohem Niveau, aber wer nach sprachlichem Glanz sucht, wird woanders fündig.Trotzdem ein Psychothriller-Highlight für alle, die kluge Twist-Thriller mit gesellschaftlicher Substanz mögen. Für Fans von Workplace-Drama, ambivalenten Frauenfiguren und respektvoller neurodivergenter Repräsentation eine klare Empfehlung. Freida McFadden zeigt hier, warum sie zu Recht auf Platz 1 steht.