REZENSION
- Knapp 1 500 Seiten umfasst der dreibändige Science-Fiction-Roman "Origin", mit der der Heyne Verlag im vergangenen Jahr ein interessantes literarisches Experiment gewagt hat: Die drei derzeit wohl erfolgreichsten SciFi-Autoren Deutschlands haben sich zu einer gewaltigen Space Opera zusammengetan, in der es um Identität, Herkunft und Zukunft der Menschheit geht, wobei jeder seinen eigenen Band verfasst hat. Nach Andreas Brandhorst (69) mit "Die Entdeckung" folgten "Die Erweckung" von Joshua Tree (39; eigentlich Benjamin Krämer) und "Die Erlösung" von Brandon Q. Morris (59; eigentlich Matthias Matting). Interessant an diesem Experiment ist weniger die im 23. Jahrhundert spielende Handlung, die - wie von diesen Bestseller-Autoren zu erwarten - recht spannend zu lesen ist, sondern eher die Frage, ob die drei es geschafft haben, die Geschichte "aus einem Guss" wirken zu lassen, oder ob es doch spürbare stilistische Brüche gibt.Worum geht es? Der fortschreitende Klimawandel hat die Erde nach Schmelzen der Polkappen durch Überflutung nahezu unbewohnbar gemacht. Die Überlebenden kämpfen um die wenigen Ressourcen. Die "Trockenen" leben privilegiert auf Bergeshöhen, während die "Nassen" auf schwimmenden Inseln in ihren auf Pontons gebauten Städten wohnen müssen. Zeitgleich bevölkert die Menschheit - durch die Evolution bereits körperlich ihrem jeweiligen Lebensraum angepasst - als "Marsianer" den roten Planeten oder lebt als "Spacer" in Weltraumstationen. Tausende bemühen sich um einen Platz auf dem riesigen Raumschiff "Wayfarer", um neue Welten im Universum zu besiedeln. Nach Entdeckung eines 20 Millionen Jahre alten Artefakts im Kuipergürtel um den Neptun mit einem Humanoiden im Kryoschlaf meint man den Ursprung der Menschheit im 90 Lichtjahre entfernten Omikron-Sternensystem entdeckt zu haben. Nun wird die "Wayfarer" dorthin geschickt. Mit an Bord ist die Paläontologin Lea Lehora, eine verdiente "Nasse", die mit Hilfe einer Quantenintelligenz das Rätsel der Menscheit zu lösen und nach 450 Jahren im Kryschlaf auf einem Planeten des Omikron-Sytems für die Kolonisten eine neue Heimat zu finden hofft.Doch "es scheint, als wäre kein noch so großartiger technologischer Fortschritt und kein noch so weites Vordringen ins Universum in der Lage, uns so weit zu bringen, dass wir unsere evolutionspsychologischen Fesseln abstreifen." Auch im 23. Jahrhundert war den Menschen "an jenem lebensfeindlichen, aber unendlich faszinierenden Ort, den Wissenschaft und Zusammenarbeit erst zugänglich gemacht hatten, die menschliche Mentalität gefolgt wie ein beharrliches Virus." Zwischen Nassen, Trockenen, Marsianern und Spacern gibt es Neid, Streit und Kampf bis hin zum Terrorismus. Letztlich geht es um das Überleben nicht nur der Menschheit, sondern auch extraterristrischer Lebensformen.Allen drei Autoren ist es zwar annähernd gelungen, etwas "Ganzes" zu schaffen, doch gibt es stilistische Unterschiede: Während Brandhorst mit seinem ersten Band "Die Entdeckung" noch einen klassischen, in der Handlung leicht nachvollziehbaren, fast wissenschaftlich nüchternen SciFi-Roman verfasst und die Basis für den weiteren Handlungsverlauf gelegt hat, wird im zweiten Band "Die Erweckung" von Joshua Tree die noch realistisch wirkende Handlung durch ausgedehnte Beschreibung technischer Feinheiten, deren Details der Leser ohnehin nicht nachvollziehen kann, leider oft ausgebremst und verliert dadurch an Spannung. Der dritte Band "Die Erlösung" von Brandon Q. Morris, in dem zwei vorangegangene Handlungsstränge zusammengeführt und abgeschlosen werden, driftet dann allerdings mit der Eroberung der Omikron-Planeten in die Phantastik ab, wirkt sogar gelegentlich albern, wenn die Raumfahrer unbedarften Touristen ähnelnd durch die Landschaft stapfen. Diese stilistischen Unterschiede lassen die Geschichte dann doch etwas uneinheitlich wirken.Nimmt man Abstand von der Handlung, entdeckt man vor allem im zweiten und dritten Band manche Anspielung, Erstaunliches oder Albernes. So ist in Band 2 Kritik an der EU zu finden: "Und was, denken Sie, wird schneller zum Ziel führen: Wenn [die Korporation] Concorde seine nicht unerheblichen Mittel hinter einen Plan stellt, oder wenn das Konzil übernimmt, 50 Jahre diskutiert, bis 29 Korporationen einer Meinung sind und dann die Verteilungskämpfe um die verschiedenen Poste beginnen?" Fraglich ist, ob auch im 23. Jahrhundert noch redensartig von "Löchern im Schweizer Käse" gesprochen wird, wo doch Nationen längst nicht mehr bestehen, und ob Streichhölzer noch bekannt sind, die "ein Pulverfass hochgehen lassen" können. Bemerkenswert ist auch, dass es sogar auf dem Mars Schwarzwälder Kirschtorte gibt. Amüsant bis albern ist wiederum, dass in 300 Jahren noch SciFi-Filme wie "Star Trek" oder "Star Wars" bekannt sind und eine Protagonistin sich beim Marsch durch baumhohes Gras auf dem Omikron-Planeten an die Trickfilmreihe mit "Biene Maja" erinnert. Tröstlich ist dagegen, dass die Besatzung der "Wayfarer" mit Hilfe eines Klassikers von Jane Austen die Verständigung mit den Außerirdischen aufzunehmen versucht. Gute Literatur scheint also auch in ferner Zukunft noch hilfreich und überlebenswichtig zu sein.