Ein gut recherchiertes Setting, leider mit - für mich - unerträglichen Figuren.
Der Leser begleitete das Leben von Caedmon von Helmsby von 1064 bis 1087. Er beginnt in bei seiner Familie in England, wird bei einem Überfall von Piraten verletzt, lernt als Übersetzer einen Hof in der Normandie kennen und verliebt sich natürlich unsterblich. Man bekommt die Ereignisse rund um die Schlacht bei Hastings mit und die Eroberung Williams, der dann natürlich auch König von England wird. Eng verbunden sind diese Ereignisse mit dem Leben Caedmons, der erst von seiner Verletzung geplagt ist, aber später seine Kraft zurückerlangt und immer wieder Teil politischer Entscheidungen wird.Nicht nur Kriege machen den Menschen das Leben schwer, auch Hungersnöte, Seuchen und Umweltkatastrophen werden auf den knapp 900 Seiten geschildert.Sehr positiv sticht die Authentizität der Lebensumstände heraus. Man merkt, wie genau und mit welcher Leidenschaft die Autorin detailreich und niemals verkünstelt die Lebensumstände im 11. Jahrhundert beschrieben hat. Die Unterschiede zwischen Engländern und Normannen und die Reaktion der Figuren auf veränderte Lebensumstände sind hochspannend. Nicht nur echte Personen der Mittelalterlichen Geschichte wurden authentisch mit eingebaut, auch die Errichtung von Gebäuden, zum Beispiel der Tower von London sind ein Genuss für den Interessierten Leser. Mein Highlight: Der Teppich von Bayeux.Was meinen Lesegenuss leider immer wieder getrübt hat, waren die Hauptfiguren. Vor allem Caedmon und Aliesa. Caedmon ist zu Beginn des Werkes ein Teenager. Sein Leben ist turbulent und er hätte damit jedes Recht, eine ätzende nervige Plage zu sein, aber das ist er nicht. Der Leser nimmt kaum eine Reifung der Figur wahr, obwohl das durch seine Erlebnisse zwangsläufig der Fall sein müsste. Caedmon ist von Beginn an eine Figur, die alles immer richtig macht. Nicht im Sinne der Zeit, aber im Sinne des Lesers. Ist es sinnvoll zu gehorchen, gehorcht er, ist Rebellion sinnvoll, rebelliert er. Er ist immer genau das, was man von einem klugen, besonnenen, charmanten und extrem reflektierten Mann erwartet. Wäre er Mitte 60 und hätte eine Vita vorzuweisen, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist, wäre ich damit einverstanden, so ist es leider wenig glaubhaft. Das macht die Figur unglaublich ätzend.Aliesa ist Caedmon Angebetete. Natürlich wahnsinnig schön und klug. Immer perfekt angepasst und derart charismatisch, dass JEDER sie leibt. Nicht ganz so ätzend wie er, aber ebenso unerträglich flach. Man kauft es ihr eher ab, da ihre hoch angepriesene höfische Etikette bereits in jungen Jahren hart erlernt werden kann, doch fehlt hier ebenfalls jegliche Dynamik. Achtung SPOILER: Man könnte meinen, dass ihre Schwierigkeit, Kinder zu bekommen ein Makel sei, aber das wirkt wie ein billiger Vorwand, denn dieses Problem ist keine Charaktereigenschaft. Die Liebe zwischen den beiden, obwohl sie verheiratet ist wird auch nicht wirklich als problematisch dargestellt, denn Liebe ist doch immer stärker als Ehegelübde. Wer würde das denn kritisieren?Recht plump wirkt auch die Gegenüberstellung Aliesas mit einer weiteren Frauenfigur, nämlich Beatrice, die mit Caedmon verheiratet werden soll. Sie ist nur bösartig. Schön (was keine Charaktereigenschaft ist) aber bösartig, dumm und uninteressant. Später erfahren wir zudem, dass sie eine schlechte und tyrannische Herrscherin ist, sowie eine miserable Mutter. Im Mittelalter war es üblich, dass Figuren NUR gut oder NUR böse dargestellt wurden, aber so möchte man ja heute keinen Roman lesen. Ein Lichtblick waren für mich Hyld, die ein wenig differenzierter gestaltet wurde, sowie Marie de Falaise, die auch irgendwann eine Verwandlung erlebt.Zur Verteidigung des Buches: Ich habe es 26 Jahre nach Veröffentlichung gelesen. Sicher gehen heutige Leser an manche Themen mit einem differenzierteren Blick heran als im Jahr 2000. Weiterhin möchte ich der Autorin noch eine Chance geben, vor allem weil ich das Mittelalter so gerne mag, aber dieses Buch wird wohl an jemanden weitergegeben, der es mehr lieben kann.