Hiobs Brüder überzeugt vor allem durch seinen starken, ungewöhnlichen Beginn und die sozialen Themen.
Rebecca Gablé gehört für viele zu den festen Größen der historischen Romane. Wer ihre Bücher kennt, weiß, was einen erwartet: sorgfältige Recherche, große Zeitläufe, starke Figuren. Hiobs Brüder bildet da keine Ausnahme, geht aber erzählerisch einen etwas anderen Weg als Das zweite Königreich.England, 1147. Nicht Könige oder Schlachten stehen zunächst im Mittelpunkt, sondern eine Gruppe von Ausgestoßenen, weggesperrt in einer verfallenen Inselfestung: Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, mit Schuld, Wahn und verlorener Identität. Und mittendrin Losian, ohne Erinnerung, aber mit der Angst, einst Schreckliches getan zu haben. Als eine Sturmflut ihnen die Freiheit öffnet, beginnt eine Reise durch ein vom Krieg zerrüttetes Land und für Losian die Suche nach seiner Vergangenheit. Dieser Einstieg ist richtig stark und konnte mich auch sehr fesseln.Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil lebt vom Zusammenhalt der Ausgestoßenen, von Angst, Hoffnung und vorsichtigem Vertrauen. Gerade der soziale Blick auf Behinderung, Ausgrenzung und religiösen Fanatismus hebt den Roman positiv von vielen anderen historischen Romanen ab. Hier zeigt Gablé große Stärke.Leider verliert die Geschichte für mich danach spürbar an Zug. Sobald Losian sein Gedächtnis zurückerlangt und wieder Alan wird, geht viel von der Figur verloren. Der frühere Alan hatte Ecken, Kanten und fragwürdige Einstellungen, der neue handelt fast durchgehend edelmütig. Das nimmt Spannung und Tiefe, auch weil die Gruppe zunehmend in den Hintergrund rückt.Im dritten Teil kehrt der Roman ins politische Fahrwasser zurück: Machtkämpfe, Fronten, ein neuer König. Solide erzählt, routiniert, aber auch erwartbar. Neue Wege werden hier nicht mehr beschritten. Stark bleibt Hiobs Brüder vor allem dort, wo es um gesellschaftliche Ausgrenzung geht. Schwächer dort, wo Antagonisten blass bleiben und Konflikte zu eindeutig gezeichnet sind. Und trotzdem: Der Roman ist durchgehend unterhaltsam, mit starken Szenen, interessanten historischen Details und vertrauten Figuren aus Das zweite Königreich.Ein guter historischer Roman mit einem großartigen Anfang und einem wichtigen sozialen Fokus, der hinten raus an Tiefe und Spannung verliert, mir persönlich gefiel Das zweite Königreich etwas besser. Lesen werde ich den Abschluss Rabenthron aber auf jeden Fall.