Queere Zeitreise-Romance über Liebe, Schicksal und den Mut, sich selbst treu zu bleiben.
Don't Let Me Go von Kevin Christopher Snipes verbindet queere Coming-of-Age-Literatur mit einem übernatürlichen Zeitreise-Motiv und nutzt diese Verknüpfung, um Fragen nach Identität, Schicksal und Selbstbestimmung zu verhandeln. Der Roman ist in einem konservativ geprägten Umfeld in Florida angesiedelt und entfaltet vor diesem Hintergrund eine Geschichte, in der persönliche Gefühle untrennbar mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbunden sind.Im Zentrum steht Riley Iverson, ein sensibler und reflektierter Erzähler, der von Visionen heimgesucht wird, in denen er gemeinsam mit einem Jungen durch verschiedene historische Epochen reist. Diese Episoden enden stets tödlich und verleihen der Erzählung eine zyklische, beinahe mythische Struktur. Die Begegnung mit Jackson Haines, der dem Jungen aus Rileys Visionen verblüffend ähnelt und bald selbst dieselben Träume erlebt, verschiebt die Geschichte von individueller Verunsicherung hin zu einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart.Die Zeitreiseelemente fungieren weniger als klassisches Science-Fiction-Konstrukt denn als metaphorischer Raum, in dem sich wiederkehrende Muster von Ausgrenzung, Gewalt und verbotener Liebe spiegeln. Dadurch wird deutlich, dass queere Erfahrungen nicht isoliert, sondern historisch wiederholt und gesellschaftlich geprägt sind. Der Roman stellt die Frage, ob Liebe in der Gegenwart eine andere Zukunft eröffnen kann oder ob sich strukturelle Gewalt über Generationen hinweg fortschreibt.Besonders eindrücklich ist die Darstellung des sozialen Umfelds. Queerfeindlichkeit erscheint nicht ausschließlich in spektakulären Akten, sondern auch in subtilen Gesten, unausgesprochenen Drohungen und innerer Selbstzensur. Diese Alltäglichkeit der Bedrohung verleiht der Erzählung emotionale Schwere, ohne sie in Hoffnungslosigkeit kippen zu lassen. Freundschaft und Solidarität bilden leise, aber tragende Gegengewichte.Formal überzeugt der Roman durch einen flüssigen, emotional fokussierten Stil, der sich stark an der Innenwelt der Protagonisten orientiert. Die Nebenfiguren treten bewusst in den Hintergrund, um die zentrale Beziehung und ihre existenzielle Dimension zu verdichten. Das Ende setzt eine schmerzhafte, zugleich konsequente Zäsur, die weniger Antworten liefert als bleibende Fragen nach Sinn, Opfer und Hoffnung.Don't Let Me Go ist damit ein intensiver Young-Adult-Roman, der queere Liebesgeschichte, gesellschaftliche Kritik und spekulative Elemente zu einer eindringlichen Reflexion über Zeit, Verlust und den Mut zur Liebe verbindet.