Poetische Dark Academia über Macht, Mythen und die politische Kraft von Literatur und Träumen.
A Theory of Dreaming führt die im ersten Band angelegte Verbindung aus Dark Academia, historischer Fantasy und literarischer Reflexion konsequent weiter und vertieft sie thematisch wie formal. Während A Study in Drowning stark von Atmosphäre, Mythos und psychologischer Verunsicherung geprägt war, verschiebt sich der Fokus der Fortsetzung deutlicher auf institutionelle Machtstrukturen, ideologische Gewalt und die politische Instrumentalisierung von Geschichten.Effy ist nun offiziell die erste Frau, die in Llyr Literatur studieren darf. Dieser vermeintliche Fortschritt entpuppt sich jedoch rasch als neue Form der Belastung. Die Universität wird zum Schauplatz struktureller Misogynie, akademischer Ausgrenzung und subtiler wie offener Gewalt. Effys Rolle ist dabei doppelt codiert: Sie ist zugleich Individuum und Projektionsfläche, gezwungen, stellvertretend für alle Frauen zu bestehen. Ava Reid arbeitet diesen Druck präzise heraus und verknüpft ihn überzeugend mit Effys fortbestehenden Traumata und ihrem fragilen psychischen Zustand.Parallel dazu gewinnt Prestons Perspektive an Gewicht. Seine Träume von einer versunkenen Stadt öffnen eine zweite Erzählebene, auf der sich Fragen nach Erinnerung, nationaler Identität und kollektiver Schuld entfalten. Die Visionen überschreiten zunehmend die Grenze zwischen Traum und Realität und spiegeln die politische Zuspitzung zwischen Llyr und Argant. Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Kriegspropaganda werden nicht abstrakt verhandelt, sondern konkret in die Figurenbiografien eingeschrieben.Formal überzeugt der Roman durch seine zweigleisige Erzählstruktur. Der Perspektivwechsel zwischen Effy und Preston erweitert nicht nur den emotionalen Horizont, sondern unterstreicht die zentrale These des Textes: dass Mythen, Träume und Literatur Wirklichkeit formen können und missbraucht werden. Tagebücher, literarische Texte und Träume fungieren als Archive verdrängter Geschichte und als Gegenentwurf zu offiziellen Narrativen.Stilistisch bleibt Ava Reid ihrer poetischen, dichten Sprache treu. Der Ton ist insgesamt dunkler und schwerer als im ersten Band, was der thematischen Zuspitzung entspricht. Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung von literaturwissenschaftlicher Reflexion mit emotionaler Intimität: Effys Einsatz für die Sichtbarmachung weiblicher Autorschaft verweist klar auf reale literarhistorische Prozesse und verleiht dem Roman eine ausgeprägt politische Dimension.A Theory of Dreaming ist damit kein bloßes romantisches Sequel, sondern ein anspruchsvoller Abschluss, der Fragen nach Wahrheit, Erinnerung und Verantwortung stellt. Die Dilogie schließt nicht mit einfachen Antworten, sondern mit der Einsicht, dass jede Geschichte Macht besitzt und dass es Mut braucht, sie neu zu erzählen.