Alice Berends Gesammelte Werke versammeln eine Prosa, die das bürgerliche Berlin des Kaiserreichs und der Weimarer Zeit mit leichter Hand, scharfem Blick und feiner Ironie ausleuchtet. Ihre Romane und Erzählungen verbinden Gesellschaftskomödie, Familienchronik und psychologische Beobachtung; hinter der scheinbar heiteren Oberfläche treten Fragen nach weiblicher Selbstbestimmung, sozialem Aufstieg, Konvention und urbaner Modernität hervor. Literarisch stehen diese Texte zwischen realistischem Erzählen, Feuilletonkultur und der eleganten Unterhaltungsliteratur ihrer Epoche. Alice Berend, 1875 in Berlin geboren und 1938 im Exil gestorben, gehörte zu jenen deutsch-jüdischen Autorinnen, deren Werk lange unterschätzt wurde. Ihre genaue Kenntnis der großstädtischen Milieus, ihre Erfahrung gesellschaftlicher Rollenerwartungen und die Umbrüche ihrer Lebenszeit prägten ihre Stoffe wesentlich. Dass sie Alltagskomik nie von sozialer Diagnose trennt, erklärt die dauerhafte Frische ihrer Beobachtungen. Diese Ausgabe empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die eine kluge, stilistisch geschmeidige und kulturhistorisch aufschlussreiche Erzählerin wiederentdecken möchten. Berends Werk bietet Vergnügen und Erkenntnis zugleich: ein literarisches Panorama deutscher Moderne, dessen Witz seine kritische Tiefe nicht mindert, sondern erst sichtbar macht.