
Besprechung vom 06.02.2026
Moldauische Lehren
Düster: Iulian Ciocans Roman "Am Morgen kommen die Russen"
Im Osten der Republik Moldau, zwischen dem Dnister und der Grenze zur Ukraine, befindet sich ein dünner Landstreifen, der in Karten zum aktuellen Kriegsverlauf rot eingefärbt ist - so wie die Krim und der von Russland besetzte Osten der Ukraine. Es handelt sich um den prorussischen De-facto-Staat Transnistrien, der sich 1990 vom Rest der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik abspaltete. Denn in Letzterer wurden damals Rufe nach Unabhängigkeit von Moskau laut, welche 1991 dann tatsächlich proklamiert wurde, aber auch Rufe nach einer Wiedervereinigung mit Rumänien, zu dem Moldau historisch gehört. Vor beidem fürchtete man sich im industriellen, stark von russischer Einwanderung geprägten Transnistrien. 1992 entflammte ein kurzer Sezessionskrieg, der für die transnistrischen Separatisten von Erfolg gekrönt war, da russische Truppen sie unterstützten. Bis heute sind sie in Transnistrien stationiert.
Wenn er die tragischen Ereignisse in der Ukraine betrachte, werde ihm mit Schrecken bewusst, dass sein dystopischer Roman "Am Morgen kommen die Russen" Realität werden könne, sagte der Schriftsteller Iulian Ciocan in einem Interview mit "Le Monde" wenige Wochen nach Beginn der russischen Großinvasion 2022. Damals war die Angst der Menschen in der Republik Moldau groß, dass vom prorussischen Transnistrien aus ein Überfall auf sie erfolgen könnte. Ein solches Szenario hatte Ciocan, der international wohl bekannteste moldauische Gegenwartsautor, in seinem 2015 im rumänischen Original erschienenen Roman schon beschrieben. Jetzt ist dieser erfreulicherweise in gelungener deutscher Übersetzung von Peter Groth bei Dittrich erschienen - ein zweiter Roman von Ciocan, "Königin der Kelche", folgt demnächst bei der Edition Noack & Block.
"Am Morgen kommen die Russen" beschreibt die Invasion aus Transnistrien auf zwei verschiedenen Ebenen - zunächst als Stoff eines fiktiven dystopischen Romans, den ein junger Philologe namens Marcel Pulbere im nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von Armut, Korruption und Gesetzlosigkeit geprägten Moldau der Neunzigerjahre veröffentlicht. Durch viele überzeichnete, aber authentische Details wirkt die Atmosphäre jener Zeit so lebendig, dass man wahrlich Mitleid mit dem Protagonisten empfindet. In der elterlichen Plattenbauwohnung in Chisinau, in die Pulbere nach Abschluss seines Studiums in Rumänien zurückkehrt, findet er einen alkoholkranken, frustrierten Vater und mottenzerfressene, staubige Perserteppiche vor. Jobs gibt es keine, sodass der Philologe sich erst einmal damit herumschlägt, in einem Geschäft am Rande der Stadt billige Fischkonserven einzukaufen und an seine Mutter zu übergeben, die sie auf dem Markt teurer feilbietet.
Auf einer zweiten, im Juni 2020 angesiedelten Handlungsebene ereignet sich die Invasion aus Transnistrien tatsächlich und wird aus der Sicht des zweiten Protagonisten, des betagten Lateinprofessors Nicanor Turturica, geschildert. Nach einem vergeblichen Fluchtversuch nach Rumänien kehrt Turturica resigniert nach Chisinau zurück, doch seine Wohnung ist bereits von aggressiven Russen okkupiert. Er landet im Kerker, wo er vor eine schwierige Wahl gestellt wird: Entweder muss er Moldauisch an der nun von einem transnistrischen Rektor kontrollierten Universität lehren oder er verschwindet an einen noch düstereren Ort. Ein wahres Dilemma, handelt es sich doch bei der "moldauischen Sprache" um eine Erfindung der Sowjets, um in kyrillischen Buchstaben geschriebenes Rumänisch, welches das sowjetische Moldau kulturell von Rumänien abgrenzen sollte. Der stolze rumänisch-moldauische Doppelstaatler Turturica würde sich also zum russischen Propagandisten machen.
Beide Handlungsstränge wechseln sich im Roman kapitelweise ab. In zynisch-distanziertem Ton gehalten und in dritter Person erzählt, ist eine klug komponierte, unterhaltsame Karikatur der moldauischen Gesellschaft entstanden, die für eine deutsche Leserschaft äußerst lehrreich ist. Denn man weiß hierzulande wenig über den EU-Beitrittskandidaten Moldau.
Man vermisst einzig ein Vor- oder Nachwort, in dem kulturhistorische Spezifika wie die "moldauische Sprache" allgemeinverständlich erklärt werden. Auch hätte man die russischen Sprachfetzen, die ab und zu vorkommen, aus der rumänischen in eine deutsche Transkription übertragen müssen, um sie lesbar zu machen. YELIZAVETA LANDENBERGER
Iulian Ciocan: "Am Morgen kommen die Russen".
Roman.
Aus dem Rumänischen von Peter Groth. Dittrich Verlag, Weilerswist-Metternich 2025.
265 S., br.
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