Mit Hörst du den Schrei? startet eine neue norwegische Krimireihe, die mich schon allein durch ihre Ausgangsidee neugierig gemacht hat. Ein True-Crime-Podcaster, ein fünfzehn Jahre alter Vermisstenfall, eine verschwundene Journalistin und ein Vater, der womöglich unschuldig wegen Mordes im Gefängnis saß - das klingt zunächst nach einer Mischung, die man inzwischen häufiger kennt. Trotzdem gelingt es Jørn Lier Horst und Jan-Erik Fjell, daraus einen eigenständigen und sehr atmosphärischen Krimi zu entwickeln.Im Mittelpunkt steht Markus Heger, der in seinem Podcast alte Kriminalfälle aufgreift. Einer davon ist das Verschwinden der siebenjährigen Leah. Ihre Leiche wurde nie gefunden, dennoch wurde ihr Vater Tobias wegen ihres vermeintlichen Mordes verurteilt. Als die junge Journalistin Mathilde Wold beginnt, sich ebenfalls mit dem Fall zu beschäftigen, und kurz darauf selbst verschwindet, gerät Markus immer tiefer in eine Geschichte, die längst nicht so abgeschlossen ist, wie es die damaligen Ermittlungen vermuten ließen.Was mir an dem Roman besonders gut gefallen hat, ist die Verbindung zwischen klassischer Cold-Case-Ermittlung und moderner Podcast-Kultur. Markus sitzt nicht einfach in einem Studio und erzählt alte Fälle nach, sondern beginnt selbst nachzuforschen, spricht mit Zeugen, überprüft alte Aussagen und stößt dabei auf Widersprüche, die über Jahre niemand hinterfragt hat. Dadurch bekommt die Geschichte eine moderne Note, ohne dass sie sich künstlich aktuell anfühlt.Markus Heger ist für mich eine interessante Hauptfigur. Er wirkt ruhig, intelligent und beobachtet sehr genau, gleichzeitig merkt man schnell, dass er selbst einiges mit sich herumträgt. Seine Vergangenheit als Soldat und Polizeischüler wird immer wieder angedeutet, aber noch nicht vollständig offengelegt. Das ist deutlich als längerfristiger Handlungsfaden für die kommenden Bände angelegt und hat bei mir durchaus Neugier geweckt.Besonders ungewöhnlich ist das Verhältnis zu seinem Vater Frank Drage. Dieser sitzt selbst als Schwerverbrecher im Gefängnis und unterstützt Markus auf eine Weise, die man von einer Vaterfigur zunächst nicht erwarten würde. Über seine Kontakte innerhalb der Gefängniswelt gelangt er an Informationen, die Markus bei seinen Recherchen weiterhelfen. Diese Konstellation zwischen dem wahrheitssuchenden Sohn und dem kriminellen Vater gehört für mich zu den stärksten Ideen des Romans. Sie macht Markus' Hintergrund interessanter und verleiht der Geschichte eine zusätzliche Spannungsebene.Der Fall selbst entwickelt sich eher ruhig. Wer einen schnellen Thriller mit permanenten Schockmomenten erwartet, dürfte anfangs etwas Geduld brauchen. Die Autoren bauen die Spannung langsam auf, führen zahlreiche Figuren ein und wechseln immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Gerade die Rückblicke helfen dabei, die damaligen Ereignisse Stück für Stück neu zu bewerten.Allerdings ist die große Zahl an Figuren gleichzeitig eine der Schwächen des Romans. Es tauchen so viele Personen auf, dass ich mich stellenweise konzentrieren musste, um alle Beziehungen und möglichen Motive auseinanderzuhalten. Nicht jede Nebenfigur wird dabei so ausführlich entwickelt, dass sie wirklich im Gedächtnis bleibt. Einige wirken vor allem deshalb vorhanden zu sein, um das Feld der Verdächtigen möglichst groß zu halten.Auch das Erzähltempo schwankt. Manche Passagen entwickeln einen schönen Sog, andere ziehen sich etwas und enthalten Informationen, die für den eigentlichen Fall nicht unbedingt notwendig erscheinen. Gerade im Mittelteil hätte die Handlung für mich stellenweise etwas straffer erzählt werden können. Die unterschwellige Spannung bleibt zwar bestehen, erreicht aber erst im letzten Drittel die Intensität, die ich mir schon früher gewünscht hätte.Dafür funktioniert das Miträtseln ausgesprochen gut. Immer wieder werden neue Verdächtige präsentiert, alte Aussagen infrage gestellt und scheinbar eindeutige Spuren in eine andere Richtung gelenkt. Mehrmals glaubte ich, die Lösung erkannt zu haben, nur um kurz darauf wieder unsicher zu werden. Ganz unvorhersehbar ist nicht jede Entwicklung, die endgültige Auflösung konnte mich jedoch trotzdem überraschen und wird schlüssig hergeleitet.Etwas großzügig muss man allerdings mit der Frage umgehen, wie viele Informationen Markus als einzelner Podcaster erhält und wie weit er bei seinen Ermittlungen gehen kann. Manchmal wirkt es schon erstaunlich, dass er Zugang zu Details bekommt, an denen offenbar selbst die Polizei gescheitert ist. Innerhalb der Geschichte funktioniert das weitgehend, vollkommen realistisch ist es aber nicht immer.Der Schreibstil liest sich sehr angenehm. Die Kapitel sind überschaubar, die Sprache ist klar und die norwegische Landschaft wird atmosphärisch eingefangen. Das abgelegene Fagernes, die winterliche Kälte und die alten Geheimnisse ergeben genau jene düstere Stimmung, die ich an skandinavischen Kriminalromanen besonders mag.Unterm Strich ist Hörst du den Schrei? für mich ein gelungener Auftakt mit einer starken Grundidee, einem interessanten Ermittler und einer ungewöhnlichen familiären Konstellation. Der Podcast-Ansatz bringt frischen Wind in die klassische Cold-Case-Geschichte, und das Zusammenspiel zwischen Markus und seinem Vater bietet viel Potenzial für die Fortsetzung.Ganz ohne Schwächen bleibt der Roman allerdings nicht. Die große Zahl an Figuren, einige Längen und die stellenweise etwas unglaubwürdige Informationsbeschaffung verhindern, dass mich der Auftakt vollständig begeistert. Trotzdem hat mich der Fall gut unterhalten, die Auflösung funktioniert und Markus Heger ist interessant genug, um die Reihe weiterzuverfolgen.Für mich ein atmosphärischer und solider Start in eine neue norwegische Krimireihe, der bereits viele gute Ideen besitzt, aber bei Tempo und Figurenführung noch etwas Luft nach oben hat.