
Warum sind Gefühle für Männer immer noch eine Herausforderung?
Wir kennen sie: Manner, die ihre Gefühle nicht zeigen konnen - oder nicht wollen. Wenn ihre Emotionen sichtbar werden, dann oft als Wut, Freude und Stolz, aber nur selten als Trauer, Zweifel oder verletzliche Liebe. Frauen und Queers beklagen, dass sie die emotionale Arbeit übernehmen, die Manner ihnen, sich selbst und einander verweigern. Doch auch Manner zahlen dafür einen hohen Preis: Sie leiden unter sozialer Einsamkeit, oberflachlichen Freundschaften und überdurchschnittlich hohen Suizidraten. Weshalb halt sich ein so zerstorerisches System aufrecht?
Brutal fragile Typen deckt die komplexen und vor allem politischen Verflechtungen von Gefühlen und Männlichkeiten auf, die uns bis heute daran hindern, emotional auf Augenhöhe zu sein.
Besprechung vom 24.04.2026
Hab nie bemerkt, dass mir was fehlt
Ole Liebl untersucht sprunghaft den Zusammenhang von Aggression und Fragilität in der Manosphere
Die "brutal fragilen Typen", die Ole Liebls Buch im Titel führt, sind brutal, weil sie aggressiv reagieren, um den Anschein von Macht und Unabhängigkeit zu wahren. Gleichzeitig sind sie fragil, weil ihr Bild von Männlichkeit leicht ins Wanken gerät. Ihre Zerrissenheit sei der Grund, warum misogyne Netzwerke (die sogenannte Manosphere) wachsen, die spätestens seit der britischen Miniserie "Adolescence" oder der aktuellen Netflix-Dokumentation "Inside the Manosphere" in aller Munde sind. Liebls plausible Grundprämisse: Weil es viele dieser unsicheren Typen gibt, werden sie von Maskulinisten - so nennt Liebl die Akteure der Manosphere - gegen Feminismus mobilisiert.
Mehr oder weniger willkürlich bedient sich der Autor für seine Kulturanalyse an Beispielen, die ihm in letzter Zeit begegnet sind: Dating- und Fitnesscoaches, Deutschrapper, Politiker, Slogans im Fitnessstudio und andere kulturelle Trends. Viele dieser geläufigen Beispiele wurden bisher meist aus einer feministischen Sicht besprochen, nicht aber aus der schwulen männlichen Perspektive des Autors. Ole Liebl hegt keine falsche Solidarität unter Männern und nimmt gegenwärtigen Sexismus ins Visier, ohne die Perspektive der Analysierten zu übergehen, so schwierig es auch ist: "Gerade mit hetero cis Männern zu fühlen bleibt - sprechen wir aus einer alten Geschichte der Unterdrückung heraus - unangenehm und schwierig."
Manchmal wirkt das Buch hektisch, wenn der Autor von einem Beispiel zum nächsten springt und der rote Faden zu verschwinden droht. Es erinnert an die kurzen Videos in den sozialen Medien, in denen Influencer mal anekdotisch, mal pseudowissenschaftlich ihre Meinung kundtun. An vielen Stellen unterfüttert der Autor seine Beobachtungen mit feministischen, psychoanalytischen oder historischen Theorien, bringt sie mit Werken der Gegenwartsliteratur in Zusammenhang. So gibt das Buch auch einen Überblick über die Manosphere und die mit ihr verwandten Diskurse, wie etwa über toxische Weiblichkeit unter Frauen, den "Male Gaze" in Filmen oder sogenannte "Pick Me Girls" in den sozialen Medien.
Dabei stellt sich die Frage, warum sich der Autor nicht auf die deutschen Maskulinisten konzentriert hat. Die sind nämlich noch nicht so abgegrast wie der Fall Andrew Tate. Gerade den Besuch bei den deutschen Podcastern "Hoss & Hopf" beschreibt Liebl szenisch und erfrischend. Dabei wird klar, dass Influencer dieses Typs kein reines US-Phänomen sind, sondern ebenso Erfolge in Deutschland feiern und mit ihren Weisheiten junge Männer in ihren Bann ziehen.
An anderen Stellen wiederum scheint der Autor von seiner Beobachtung voreilig auf allgemeingültige Einsichten zu schließen. Was interessante Anknüpfungspunkte für eine genauere Analyse sein könnten, etwa der Körperkult im Fitnessstudio oder der Alkoholkonsum in Männerfreundschaften, bleibt nur skizzenhaft ausgeführt.
Schließlich sind einige der Phänomene keineswegs nur Männern zuzuordnen. So entsteht beim Leser der Eindruck, dass sich Liebls persönliche Abneigung mit der Analyse vermischt, beispielsweise wenn er verschiedene Actionfilme als reine "Männerfilme" erklärt. Zwar sind viele dieser Streifen aus einer feministischen Sicht womöglich zu kritisieren, doch spielt gerade das Action-Genre schon immer mit Überzeichnung, mit starken Superhelden und ihren unscheinbaren Partnerinnen. Viel spannender wäre der Blick auf Filme, deren dargestellte Beziehungen nicht schon im Kern in traditionellen Geschlechterrollen verankert sind, sondern realistischere Charaktere darstellen wollen. Die "brutal fragilen Typen" bleiben so am Ende recht konturlos. Auch der Aufruf zum Schluss, alle Männer sollten geliebt werden, schafft da keine Abhilfe. THERESA HANNIG
Ole Liebl: "Brutal fragile Typen". Männer und Gefühle.
HarperCollins Verlag,
Hamburg 2026.
272 S., br.
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