
Auftakt einer neuen Krimireihe! Bühne frei für Capitano Rossi, einen waschechten Tessiner mit Familienbande.
Zwei Unfalltote, bei denen etwas nicht stimmt. Ein mächtiger Bruder, der undurchsichtige Geschäfte betreibt. Eine ehrgeizige Assistentin, die ihn einschüchtert. Und ein ungesühntes Verbrechen, das noch immer nach Rache verlangt. - Willkommen in der Welt von Capitano Rossi! Willkommen am Fuße des Monte Brè!
Als seine Assistentin, Ispettrice Gemma Crivelli, ihm den Polizeicode für »Mord« gleich zweimal simst, glaubt Capitano Enzo Rossi zuerst, sie habe sich vertippt. Die Zeiten, in denen es im Tessiner Süden etwas zu ermitteln gab, liegen lange zurück. Doch Crivelli hat recht: Zwei unklare Todesfälle innerhalb weniger Stunden! Rossi beginnt zu ermitteln, zugegeben etwas eingerostet und mit einem ausgeprägten Hang zur Improvisation. Als die erste echte Spur auftaucht, verschlägt es ihm den Atem: Seine eigene Familie scheint in die Fälle involviert zu sein. Für Rossi beginnt ein gefährliches Spiel um Loyalität, Verrat und Familienbande . . .
Besprechung vom 01.06.2026
Fürchte die Familie
Toni Rivera steigert die Mordquote im Tessin
Ein Krimileser, der auf sich hält, würde das Buch seiner Aufmachung wegen nicht in Betracht ziehen, sieht es doch überdeutlich nach Regionalkrimi aus, suggeriert blauen Himmel über dem Tessin, vermutlich Kochrezepte, die schönsten Aussichtspunkte rund um den Monte Brè. Außerdem wird der Start der neuen Reihe auf dem Buchumschlag als "intelligent, spannend, mit Esprit und Charme" angepriesen. Einen blöden, langweiligen, geistlosen Krimi hätte man hoffentlich bei Galiani Berlin, dem literarisch ausgewiesenen Beiboot von Kiepenheuer & Witsch, nicht verlegt?
Aber: Der hauseigene Star Jean-Luc Bannalec bedient mit mittlerweile fünfzehn Aufgüssen ein Millionenpublikum, da liegt die Messlatte hoch. Auch der neue Autor verschanzt sich hinter einem Pseudonym, derzeit eine Mode. Toni Rivera, ein Tessiner, der wieder im Tessin lebt. Sollte er aus Rivera stammen, das heute zur Gemeinde Monteceneri gehört, ist er immerhin durch eine Autobahnausfahrt der A 2 nördlich von Lugano legitimiert.
Der vorliegende erste Fall für Capitano Rossi gibt Anlass zu Hoffnung, weil er aus der Massenware des Destinationskrimis heraussticht - sowohl durch Konstruktion, Ausbaufähigkeit der Figuren, Erzählhaltung. Gut geschrieben ist er obendrein. Rivera erzählt aus der Ich-Perspektive, er lässt den vergesslichen, selbstherrlichen und nicht immer nachvollziehbar agierenden Capitano Rossi den Erzählkarren ziehen. Das funktioniert, auch weil Riveras Sprachlust zu gefallen weiß ("Ein langer Tag, der sich keine Mühe gibt, sich dem Ende zuzuneigen").
Die Familiengeschichte der Geschwister Rossi grundiert die Handlung. Arme Verhältnisse, der Vater war Kommunist, im Sommer ging man barfuß, um die Schuhsohlen zu schonen. In einer anrührenden Szene schildert der Roman, nach welchem Verteilerschlüssel ein (vermutlich gestohlenes) gebratenes Hühnchen unter den vier Kindern und den Eltern aufgeteilt wurde. Heute präsentiert Enzo, der älteste Sohn, die Staatsmacht, Schwester Alessia den Mittelstand, sie betreibt als Wirtin ein Grotto. Der Milliardär Fabrizio ist ein Fabelwesen, einerseits Familienmensch, andererseits wird er Gerüchten zufolge vom lokalen Boss der 'ndrangheta als Strohmann bei der nächster Bürgermeisterwahl eingesetzt. Das Trauma der Rossis: Der Jüngste ertrank als Kleinkind in der reißenden Tresa, weil seine damals neun und sieben Jahre alten Brüder nicht gut genug aufpassten. Sagt man.
Der Roman setzt ein mit dem Fund zweier Leichen an einem strahlend schönen Januartag. Zwei ältere Männer, zwei Fundorte. Haben die Todesfälle miteinander zu tun? Suizid oder Herzversagen? Vieles deutet darauf hin, dass es sich in beiden Fällen um Mord handelte, aber das schafft nur ein Profi, zwei an einem Tag. Herrlich, denkt der Capitano, Verdoppelung der Quote, ansonsten bringt es der Kanton nur auf einen Mord im Jahr. Und doch gilt: Mehr als die Hälfte aller Schweizer Morde werden gar nicht als solche erkannt.
Rund um den Capitano gruppiert Rivera Frauenfiguren - seine Lebensgefährtin Maria, eine Sozialdemokratin aus Chur, die im Ruhestand in den Süden gezogen ist; Ispettrice Gemma Crivelli, die ihre demente Mutter betreut, aber möglicherweise nebenbei Zeit findet, am Stuhl ihres Chefs zu sägen; Jackie, Juristin aus Texas und Ehefrau Fabrizios, der Enzo offenbar zu nah gekommen ist. Dazu der dem Wodka zugetane Pathologe Ferrari, der Einzige, der Rossi unangenehme Wahrheiten ins Gesicht sagt.
Das Lugano, das der Roman zeigt, entspricht nicht dem touristischen Weichbild, es ist der Wirklichkeit entnommen. Die Stadt im Einzugsbereich Mailands wird seit Jahrzehnten von riesigen Geldmengen aus Italien geflutet. Die Hänge rund um den See sind zugekleistert mit Protz und Neureichtum, die begnadete Schönheit der Gegend leidet unter dem Transitverkehr, der das Nadelöhr Lugano passiert. Und je länger Rossi ermittelt, desto deutlicher wird, dass seine Familie in beide Mordfälle verstrickt ist. Bei einem Familienfest eskaliert die Situation. Das Ende ist ein ohrenbetäubender Cliffhanger, zugleich zwingender Auftakt für den zweiten Band. Der ist für das Frühjahr 2027 avisiert. HANNES HINTERMEIER
Toni Rivera: "Die Familie sehen und sterben". Capitano Rossi ermittelt im Tessin.
Galiani Berlin Verlag, Berlin 2026. 280 S., br.
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