Mit Waldnacht startet Lina Bengtsdotter eine neue Krimireihe um Kriminalinspektorin Sakka Pienni - und der Auftakt macht sehr schnell deutlich, dass es hier nicht nur um die Aufklärung eines Mordes gehen wird. Sakka selbst steht mindestens ebenso stark im Mittelpunkt wie der eigentliche Fall. Gerade diese Mischung aus klassischer Ermittlungsarbeit, persönlicher Vergangenheit und einer sehr nordischen, melancholischen Atmosphäre hat mir gut gefallen.Der Fall beginnt mit einem Mord in einem wohlhabenden Stockholmer Vorort. Eine junge Mutter wird erschossen in ihrer Villa aufgefunden, ihr neugeborenes Kind bleibt zurück. Schon diese Ausgangslage wirkt bedrückend, weil nach außen zunächst alles nach einem perfekten Leben aussieht. Wohlstand, Familie, ein schönes Haus - und trotzdem ist offensichtlich etwas grundsätzlich aus dem Gleichgewicht geraten.Sakka Pienni übernimmt gemeinsam mit ihrem Team die Ermittlungen und merkt schnell, dass hinter der makellosen Fassade der Familie einiges verborgen liegt. Genau das gehört für mich zu den stärksten Seiten des Romans. Lina Bengtsdotter interessiert sich weniger für spektakuläre Action als für das, was Menschen verschweigen. Beziehungen, Abhängigkeiten, alte Verletzungen und gesellschaftlicher Druck werden Stück für Stück sichtbar, während die Ermittler versuchen herauszufinden, wer überhaupt ein Motiv gehabt haben könnte.Sakka selbst ist dabei eine ungewöhnliche Hauptfigur. Sie ist hartnäckig, intuitiv und lässt sich nicht besonders leicht von einer einmal gefassten Spur abbringen. Gleichzeitig trägt sie einiges mit sich herum. Ihre Vergangenheit im Norden Schwedens, ihre psychischen Probleme und Erinnerungen an ihre Familie beeinflussen sie immer stärker, je tiefer sie in den Fall eintaucht. Man merkt schnell, dass da noch sehr viel vorhanden ist, was vermutlich erst in den kommenden Bänden vollständig erzählt wird.Gerade diese persönliche Ebene macht die Figur interessant, auch wenn sie für meinen Geschmack stellenweise beinahe etwas zu stark in den Vordergrund rückt. Bei Reihenauftakten habe ich manchmal das Gefühl, dass Autoren unbedingt möglichst viele Besonderheiten ihrer neuen Hauptfigur gleichzeitig etablieren wollen. Das passiert hier teilweise ebenfalls. Sakka hat genügend Ecken und Kanten, um interessant zu sein - da hätte für mich gar nicht jedes persönliche Problem sofort thematisiert werden müssen.Sehr gut gefallen hat mir dagegen das Zusammenspiel innerhalb des Ermittlerteams. Eddie funktioniert als angenehm bodenständiger Gegenpol zu Sakka, und auch die weiteren Figuren wirken nicht wie bloßes Personal, das nur Hinweise liefert. Dadurch entsteht schnell das Gefühl einer Reihe, die nicht ausschließlich von ihrer Hauptfigur leben muss.Spannend sind auch die Rückblicke in die Vergangenheit. Zunächst ist nicht klar, wie diese Szenen mit dem aktuellen Mord zusammenhängen, und genau dadurch entwickelt sich ein zusätzlicher Sog. Nach und nach wird deutlich, dass manche Ereignisse wesentlich weiter zurückreichen, als die Ermittler zunächst vermuten. Ich mag solche Konstruktionen sehr, wenn Vergangenheit und Gegenwart langsam aufeinander zulaufen und einzelne Details plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen.Überhaupt ist Waldnacht kein Thriller, der ständig mit neuen Schockmomenten um sich wirft. Die Geschichte entwickelt ihre Spannung eher ruhig. Befragungen, Beobachtungen, kleine Widersprüche und neue Informationen treiben die Handlung voran. Gerade dadurch wirkt der Roman aber glaubwürdig. Hier wird tatsächlich ermittelt, statt dass die Figuren permanent von einem spektakulären Ereignis zum nächsten gehetzt werden.Dass im Verlauf ein weiterer Todesfall hinzukommt, erhöht den Druck deutlich. Plötzlich stellt sich nicht mehr nur die Frage, wer die junge Mutter getötet hat, sondern ob die Ereignisse miteinander verbunden sind und ob weitere Menschen in Gefahr sein könnten. Ab diesem Punkt gewinnt die Geschichte für mich noch einmal spürbar an Spannung.Besonders interessant fand ich den Gegensatz zwischen dem mondänen Leben im reichen Stockholmer Vorort und Sakkas Erinnerungen an den Norden Schwedens. Der Roman bewegt sich dadurch zwischen zwei sehr unterschiedlichen Welten. Auf der einen Seite stehen Luxus, gesellschaftlicher Einfluss und perfekt gepflegte Fassaden, auf der anderen eine rauere Vergangenheit, die Sakka bis heute nicht vollständig hinter sich gelassen hat.Auch die Einbindung ihrer samischen Herkunft gibt der Figur eine zusätzliche Ebene. Dabei bleibt der Roman angenehm zurückhaltend und benutzt diesen Hintergrund nicht bloß als exotisches Dekorationselement. Ich bin gespannt, ob dieser Aspekt in den kommenden Bänden noch stärker ausgebaut wird.Das Miträtseln funktioniert ebenfalls gut. Es gibt mehrere Personen, denen man ein Motiv zutrauen könnte, und lange Zeit erscheint keine Lösung wirklich eindeutig. Einige Spuren führen bewusst in die falsche Richtung, ohne dass es künstlich wirkt. Die Auflösung hat mich letztlich nicht vollkommen umgehauen, war für mich aber schlüssig und fügt die zuvor verstreuten Hinweise sinnvoll zusammen.Der Schreibstil von Lina Bengtsdotter gefällt mir sehr. Er ist klar, ruhig und trotzdem atmosphärisch. Gerade die düsteren und melancholischen Momente funktionieren deshalb so gut, weil sie nicht ständig überhöht werden. Die Bedrohung entsteht eher durch das Gefühl, dass unter der Oberfläche etwas nicht stimmt.Das Cover passt für mich ebenfalls hervorragend. Das einsame Holzhaus, der kahle Baum und die Spiegelung im Wasser erzeugen sofort ein Gefühl von Abgeschiedenheit und Kälte. Gleichzeitig wirkt das Motiv fast friedlich - bis man länger hinsieht. Genau dieser Gegensatz zwischen äußerer Ruhe und verborgener Dunkelheit passt sehr gut zur Geschichte.Unterm Strich ist Waldnacht für mich ein gelungener Auftakt einer neuen Reihe. Der Kriminalfall ist spannend genug, um eigenständig zu funktionieren, gleichzeitig wird aber deutlich, dass Lina Bengtsdotter langfristig vor allem Sakka Pienni und ihre Vergangenheit weiterentwickeln möchte.Ganz perfekt ist der Roman für mich noch nicht. Manche persönliche Aspekte Sakkas bekommen etwas viel Raum und der Fall selbst hätte an einigen Stellen durchaus noch etwas mehr Tempo vertragen können. Dafür überzeugt das Buch mit Atmosphäre, einer interessanten Ermittlerin, klassischer Polizeiarbeit und einem angenehm unaufgeregten Spannungsaufbau.Vor allem macht Waldnacht genau das, was ein guter Reihenauftakt leisten sollte: Ich möchte wissen, wie es mit Sakka weitergeht.Für mich ein atmosphärischer, ruhig erzählter und dennoch spannender Schwedenkrimi mit einer ungewöhnlichen Ermittlerin und viel Potenzial für die kommenden Bände.¿¿¿¿¿ von ¿¿¿¿¿