
Warum sinkt das Bildungsniveau in Deutschland kontinuierlich? Die Antwort ist unbequem: Eine Gleichheitsideologie hat das System erfasst, die mehr schadet als nützt. Jeder soll alles erreichen können. Der ehemalige Kultusminister Mathias Brodkorb und der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer legen eine fundierte Streitschrift vor, die aufzeigt, wie die Verwechslung von Gleichheit und Gerechtigkeit zur Bildungsmisere geführt hat. Darin decken sie auf, wie die Politik das Bildungssystem systematisch überfordert - von Inklusion über Klimaschutz bis zur Digitalisierung soll die Schule alle gesellschaftlichen Probleme lösen. Gleichzeitig wird Bildungsgerechtigkeit mit Ergebnisgleichheit gleichgesetzt - ein fataler Fehler. Denn echte Gerechtigkeit bedeutet, jedem die bestmögliche Bildung zu ermöglichen, auch wenn dies zu unterschiedlichen Ergebnissen führt.
Mit analytischer Präzision zielen Brodkorb und Zierer auf die »blinden Flecken« der aktuellen Bildungspolitik: die Ignorierung natürlicher Begabungsunterschiede und die Unterschätzung sozialer Komplexität. Ihr Gegenentwurf: »Gerechte Ungleichheit« statt Gleichmacherei - nur so lässt sich die Bildungskrise überwinden.
Besprechung vom 14.03.2026
Wer den Schulalarm hört
Drei Bildungsexperten, zwei Gegenpositionen: Wie sollte das deutsche Bildungssystem reformiert werden?
Von Uwe Ebbinghaus
Ich weiß, das wird eine Sturmwarnung in Ministerien und im Feuilleton auslösen und vielerorts eine Abwehrhaltung erzeugen", schreibt Silke Müller in ihrem neuen Buch "Schule gegen Kinder". Sie fürchtet vor allem Kritik an einer Überdramatisierung, welche sie, wie dem Leser schnell klar wird, bewusst einsetzt, um eine Bildungs-"Revolution" anzuzetteln, die aus ihrer Sicht in Deutschland unvermeidbar ist. Eine "Sturmwarnung" ruft ihr Ansinnen in diesem Feuilleton zwar nicht hervor, doch kann man daran zweifeln, ob Müllers Rechnung aufgeht. Denn die Alarmglockenschläge, die im Buch überall erklingen - das Schulsystem sei eine "Ruine, die förmlich zusammenkracht", es drohe ein "Kollaps der Demokratie" -, nutzen sich schnell ab. Am Schluss des Buchs hat man als Leser das Gefühl, dass die Autorin zwar in vielem recht hat, aber wer kann und will die vielen "Handlungsanweisungen" und "Hausaufgaben", die sie den Bildungsakteuren aufgibt, schnell und breit umsetzen?
Nicht nur die Vertreter des Bildungsföderalismus, den Silke Müller mit vielen guten Gründen "in der bisherigen Form" abschaffen möchte, werden auf ihr Buch mit "Abwehrhaltung" reagieren, auch mancher Lehrer wird es mit wachsendem Unbehagen lesen. Denn die Autorin will nicht nur die Ferienwochen zum Teil mit Praktika und Fortbildungen füllen, es lauert auch ein Haufen sonstiger Mehrarbeit im Buch. Für die Autorin ist Schule "ein Schutzraum", ein "entscheidende(r) Ort" für die Gesellschaft - ein Ansatz, der dazu führt, dass sie fast alles, was die Vorsilben "Schul-" oder "Schüler-" trägt, in der Lehranstalt der Zukunft verwirklicht sehen möchte: Schülerzeitung, -radio, -parlament, -Digitalbüro, Schuluniform, -hund, -hühner, -Labs und -entwicklungspläne, um nur einige zu nennen.
Die frühere Schulleiterin hat sich als Mahnerin einen Namen gemacht. Früh schon warnte sie vor den Gefahren, die von sozialen Medien und Künstlicher Intelligenz ausgehen. In dem neuen Buch trägt sie allerhand Nützliches zusammen, bleibt jedoch eine Antwort auf die Frage schuldig, wie sich die vielen guten Ansätze in die geeigneten Bahnen lenken lassen. Das Interview mit einer Expertin für Organisationsentwicklung am Schluss bleibt enttäuschend abstrakt.
Eine Gegenposition zu Müllers umfassendem Reformwillen vertreten Mathias Brodkorb, früherer Kultus- und Finanzminister in Mecklenburg-Vorpommern, und Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik in Augsburg. Auch ihr Buch kokettiert mit dem unreflektierten Widerstand, den es angeblich hervorrufen wird: "Dieser Text könnte Ihre Gefühle verletzten und Ihre Wünsche die Welt betreffend infrage stellen." Die Grundthese des Buchs lautet, dass das Bildungssystem in Deutschland von überzogenen Gleichheitsansprüchen "geschunden" werde. Das Grundübel liege darin, dass viele meinten, es könne eine neue Welt erschaffen", womit es aber total überfordert werde. Dieser Ansatz, der nach Silke Müllers "Hausaufgaben" befreiend klingen mag, entpuppt sich jedoch als übermäßig spitzfindig. Es wird mit wenigen, oft überinterpretierten Zitatnachweisen ein Popanz der angeblich verbreiteten Forderung nach "unterschiedsloser" Gleichheit aufgebaut, der sich leicht mit der Frage kontern lässt: Welche signifikante Gruppe vertritt diese verzerrte Position denn derzeit allen Ernstes? Silke Müller jedenfalls nicht. Die drei Autoren sollten miteinander ins Gespräch kommen.
Silke Müller: "Schule gegen Kinder". Wie ein kaputtes Bildungssystem die Zukunft der nächsten Generation gefährdet.
Droemer Verlag, München 2026. 288 S., geb., 22,- Euro.
Mathias Brodkorb und Klaus Zierer: "Tyrannei der Gleichheit". Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026. 192 S., br.
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