Alexander Teske hat mit Die Wochenkinder: Frühe Trennung, späte Folgen ein autobiografisch geprägtes Sachbuch geschrieben, das mir sehr nahe gegangen ist.
Er beleuchtet darin das System der Wochenkrippen und Wochenheime in der ehemaligen DDR. Damals wurden schätzungsweise 500.000 Kinder als Säuglinge (oft schon ab der 6. Lebenswoche!) oder Kleinkinder montags in staatlichen Einrichtungen abgegeben und erst samstags wieder abgeholt. Somit konnten die Eltern voll dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Besonders Alleinerziehende, Schichtarbeiter*innen oder Künstler*innen waren quasi gezwungen, darauf zurückzugreifen.
Die Darstellung des Alltags in den Wochenkrippen fand ich einfach schockierend: Dicht an dicht stehende Gitterbettchen, die Einrichtung steril: Kein Spielzeug, keine Bilder an den Wänden. Stattdessen weiße Bettgestelle, weiße Bettwäsche, weiße Vorhänge, weiße Fensterrahmen, weiße Wände und Erzieherinnen in weißer Schürze mit Haube.
Die Babys und Kleinkinder wurden streng nach Tagesplan abgefertigt, füttern und wickeln im Akkord, keine Zeit für körperliche Berührungen oder liebe Worte.
Nachts wurden die Kleinkinder teilweise fixiert, bekamen Beruhigungsmittel oder wurden bei Krankheit in Isolierzimmern alleingelassen
Etwa eine halbe Million Menschen ging in die Wochenkrippen und wurde durch sie geprägt. Andere Kinder in der DDR gingen in Wochenheime, Dauerheime, Kinder und Jugendsportschulen, zur Kinderkur, ins Internat oder den Jugendwerkhof. Die institutionelle Fremdbetreuung der Kinder war allgegenwärtig, wie in großen Teilen des Ostblocks. Der Kreis der indirekt Betroffenen ist noch größer die Wochenkinder haben Eltern, meist Geschwister, Kinder, Partner und Freunde. Auch die wurden mitgeprägt und beeinflusst.
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Alles, was wir über diese Zeit wissen, ist das, was wir wissen sollen, was uns an Propaganda-Artikeln und gestellten Fotos zur Verfügung steht. Dazu kommen Akten, die, wenn sie nicht vernichtet wurden, teilweise nicht vollständig sind. Und Berichte von Verantwortlichen, Erzieherinnen und Eltern. Sie haben ihre eigene Sicht und gute Gründe, ihre Erinnerungen in ein mildes Licht zu rücken.
Wer sich nicht erinnern kann, wer nicht über die Zeit in der Wochenkrippe reden kann, sind die Betroffenen. Einige leben nicht mehr. Wie viele es sind, die ihrem Leben ein Ende gesetzt haben, an einer Sucht oder einer Krankheit gestorben sind, ist unbekannt.
Autor Alexander Teske, der mit diesem Buch auch seine eigene Zeit in der Wochenkrippe verarbeitet, lässt andere Betroffene zu Wort kommen, unter anderem Schauspieler Jan Josef Liefers. Jeder Bericht der ehemaligen Wochenkinder hat mich zutiefst erschüttert.
Die Wochenkinder ist eine aufwühlende und intensive Lektüre: Durch die gelungene Mischung aus historischer Aufarbeitung, psychologischer Analyse und persönlicher Biografie macht das Buch ein Kapitel der DDR-Vergangenheit sichtbar, das allzu oft totgeschwiegen wurde.
Vielen Dank an den Langen Müller Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!